KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

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KLASSIK

Leningrad lebt: Das RIAS Jugendorchester in der Philharmonie

27 Millionen Tote waren das Ergebnis des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion vor 70 Jahren. 800 000 starben in Leningrad während der 900-tägigen Belagerung, also fast 1000 pro Tag. Neugeborene verendeten an den Brüsten ihrer Mütter, die keine Milch mehr geben konnten, weil nichts mehr zu essen da war. Das Deutsch-Russische Museum in Karlshorst hat zum Jahrestag der Invasion die musikalische Antwort auf den Schrecken in der Philharmonie aufführen lassen: Dmitri Schostakowitschs siebte, Leningrad gewidmete Symphonie. Das RIAS Jugendorchester unter Felix Krieger bewältigt die Aufgabe nach nur einer Woche Probenzeit mit Bravour: lebendiger, schlanker, homogener Klang in allen Orchestergruppen, sauberes Blech, schneidende Streicher, präzise Trommeln im „Invasionsthema“ des ersten Satzes, jenes „Heute geh ich zu Maxim“ aus Lehárs Operette „Die lustige Witwe“, das zu Hitlers Lieblingsstücken zählte.

Es taucht zunächst nur am Horizont auf, bevor es nach minutenlanger, von Krieger überzeugend phrasierter dynamischer Steigerung, zum Monster wächst. Auch die leisen Passagen gelingen: Musik, die von immensem Leid erzählt, aber in jeder Note auch von Hoffnung und schließlich von jenem Sieg, der so unvorstellbare Opfer forderte. Udo Badelt

HEAVY METAL

Vorhof der Hölle:

Slipknot in der Columbiahalle

Die Schockwellen vom Auftritt Rob Zombies sind kaum abgeklungen, da kommt mit Slipknot wieder eine Band in die Stadt, die am Erbe von Alice Cooper knabbert. Dabei kann man beim Schockrock eine ähnliche Entwicklung beobachten wie beim Horrorfilm: Eines Tages wird auch die Musik nicht grausamer werden können. Bis dahin stehen Slipknot aus Iowa ganz vorne.

Zum Gedenken an den im letzten Jahr an einer Überdosis Morphium verstorbenen Paul Gray hat man in der Columbiahalle dessen Bassgitarre auf die Bühne gestellt, während sich die restlichen acht Bandmitglieder als irre Mutantenfratzen präsentieren. Die Musik dazu klingt ungefähr so, als ob Slayer über Marilyn Manson in einen Mähdrescher gestolpert wäre. Ein Splattergeknüppel, konzentriert auf das Fiese und Effektvolle. Die Gitarren kreischen wie Kettensägen, ein DJ scratcht geheimnisvoll und Frontmann Corey Taylor gurgelt über den Teufel. Dazu wird von zwei Trommelclowns und Schlagzeuger Joey Jordison auf frisch abgezogene Felle gedroschen, bis auch die Abgebrühtesten ermatten. 90 Minuten dauert die Zirkusshow der maskierten Poltergeister, die Fans werfen glücklich ihre Körper durch den Saal: Eingeweihte, die sich in diesem Vorhof der Hölle gut auskennen. Volker Lüke

KLASSIK

Kleine Gesten: Das Berliner Sibelius Orchester im Konzerthaus

Das Schöne an Konzerten von Laienorchestern ist, dass sie Happenings sind. Keine Gefahr einer routinierten Abnutzung durch wöchentlichen Spielbetrieb, und im Publikum kennt meist jeder irgendjemanden aus dem Orchester, was frenetische Beifälle sichert. Das ist auch bei diesem Konzert des Berliner Sibelius Orchesters nicht anders und so verwundert es schon, dass Stanley Dodds am Ende keine Zugabe erlaubt, obwohl sich die Musiker die Noten dafür schon zurechtgelegt haben. An zu großer Erschöpfung durch die vorher dargebotene 5. Sinfonie des Orchester-Namenspaten kann das nicht liegen, ist Dodds doch eher der sachliche Dirigententyp. Keine körperlichen Ausschweifungen – klare, kleine Gesten. Merkwürdigerweise führt das an diesem Abend im Konzerthaus aber nicht dazu, dass man Sibelius als den viel beschriebenen Vordenker der Moderne zu hören bekommt. Den Deutungskampf gewinnt bei Dodds der Spätromantiker: Flirrende Streicherteppiche, denen die ersten Geigen im Kopfsatz schimmernde Farben verleihen und die im Finale mit überschwänglichem Blech verschmelzen. Gespür für einnehmende Tuttiklänge beweist das Orchester dabei, auch wenn Durchhörbarkeit und Transparenz darunter leiden.

Das war vor der Pause, bei Schostakowitschs Violinkonzert Nr. 1 in a-Moll anders. Hier nimmt Dodds das Orchester in dem Wissen zurück, dass der junge Philipp Bohnen es auf eine Charakterstudie abgesehen hat. Mit festem Vibrato durchlebt der Geiger dieses politisch konnotierte Werk stufenweise. Durch die Nacht zum Dämmerlicht. In der Kadenz vor dem vierten Satz schimmert das bei Bohnen hingebungsvoll. Daniel Wixforth

FOTOGRAFIE

Haie in Mogadischu: „World Press Photo 2010“ im Willy-Brandt-Haus

Die Bronzestatue von Willy Brandt mit der abwägenden Handbewegung scheint sich nicht entscheiden zu können angesichts der vielen Bilder in der SPD-Zentrale. Auf einem Banner über ihr hängt die Entscheidung der Internationalen Jury: das Porträt der im Gesicht verstümmelten Afghanin Bibi Aisha wurde bereits im Mai zum Pressefoto des Jahres gekürt.

Die Ausstellung „World Press Photo 2010“ (bis 10.7., Stresemannstr. 28) zeigt 177 fotojournalistische Arbeiten von 55 preisgekrönten Fotografen. Kurze Texte begleiten die Fotos, die viel von Katastrophen und Konflikten berichten: panische Massen in Duisburg, kämpfende Rothemden in Bangkok, Erdbeben in Haiti. Mit ihrer Auswahl beweist die Jury aber auch Gespür für Geschichten abseits des politischen Fokus. Der Junge, der einen Haifisch durch Mogadischu schleppt oder die Cello spielende Kongolesin erzählen nicht weniger von den afrikanischen Tragödien als martialische Milizen. Neben Politfiguren finden sich Aufnahmen irischer Jahrmarktskinder oder bolivianischer Ringkämpferinnen.

Interessant sind auch die Arbeiten zweier Deutscher, die den Blick für die neuen Technologien öffnen. Der Berliner Wolfram Hahn (2. Preis der Serie Porträt) zeigt Mitbürger im Moment der Selbstaufnahme für Facebook. Die Fotoserie des Deutsch-Amerikaners Michael Wolf entstand komplett am Rechner: Sie versammelt die skurrilsten Momentaufnahmen von Google Street View. Martin Ernst

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