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KLASSIK

Die Berliner Philharmoniker

mit Emmanuelle Haïm

Emmanuelle Haïm pflegt einen Dirigierstil, den man mechanisch nennen könnte: Der Oberkörper schnellt zur einen Seite, die Hüfte zur anderen, das lässt sie wie eine Breakdancerin aussehen, die eine moderne Version des höfischen Knicks ausführt, oder wie eine Puppe, die von Stromstößen durchzuckt wird. Am Cembalo wird ihr ganzer Körper zum Taktstock, der rote Wuschelhaarschopf zum unübersehbaren Ausrufezeichen. Es ist ein Stil, der zunächst eigenartig aussieht, der aber vor allem der Präzision, dem exakten Ausdruck dient. Dafür wurde die Französin von den Philharmonikern geholt, die gerne mal ihr klassisch-romantisches Kernrepertoire verlassen, um mit Spezialisten wie Haïm auch auf barockem Terrain zu zeigen, was sie können. Schon beim einleitenden Concerto grosso op. 6 Nr. 1 von Händel macht Haïm Tempo, treibt die Musik mit vollem Körpereinsatz voran, erst recht dann bei zwei der drei Suiten der Wassermusik. Geschliffen die beiden Oboen und die wunderbar intimen, wie aus großer Ferne herüberklingenden Hörner. Dennoch hört man trotz sehr sparsamen Vibratoeinsatzes, dass hier keine historischen Aufführungsspezialisten sitzen, zu saftig, füllig, romantisch ist der Klang. Die Musik von Händels Pariser Altersgenossen Jean-Philippe Rameau wird dadurch noch verführerischer. Haïm lässt zwei Suiten spielen, ein Best-of der Bühnenwerke – dramatisch, naturalistisch, voller Kriegsgedonner, aber auch lyrischen Glücks etwa im zweiten Air des Zephir, des Westwindes, aus dem Opéra-ballet „Les Indes galantes“, wo zwei Geigen, das Cello und die Flöte von Emmanuel Pahud einander wie weltvergessen umspielen. Und Haïm auch mal mehrere Augenblicke lang einfach nur dasitzen darf. Udo Badelt

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