KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

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ROCK

Easy, auch 40 Jahre nach dem Abi: Die Eagles in der Waldbühne

Zwei festlich gekleidete Damen im Nordic-Walking-Alter springen in der ersten Reihe auf, am Zaun, der den bestuhlten Innenraum von der Bühne trennt. Sie wiegen ihre Hüften, jubeln den Adlern zu, die wieder mal in Berlin gelandet sind. Und gleich werden die Tänzerinnen von Sicherheitsschränken zur Ordnung gerufen: hinsetzen! Da stehen die Nächsten auf, flugs hat sich die halbe Waldbühne erhoben, die Aufpasser treten den Rückzug an. Soll man sich bei Rockkonzerten nicht mehr bewegen, nur weil die Eagles so lange dabei sind – 2012 feiern sie ihr 40-Jähriges –, nur weil das Publikum so gesittet daherkommt?

Sie spielen in der nicht ausverkauften Waldbühne aber auch laut und hart, jedenfalls für ihre Verhältnisse. Die Vier von der Stammformation werden von einem Gitarristen, zwei Keyboardern, einem Percussionisten und einer Bläser-Truppe verstärkt. Ein elegisches Trompeten-Intro führt im ersten Viertel des Sets ins „Hotel California“, und davor heißt es auch schon gleich „Take it to the Limit“. Etwas früh. Noch ist der Himmel hell, die Grenze nicht erreicht, und der Country- Rock sitzt betont tailliert: „Peaceful Easy Feeling“, „Lyin’ Eyes“. Das Schöne und das Ernüchternde bei dieser Band, die klassischen kalifornischen Harmoniegesang pflegt, ist ihre Ausrechenbarkeit. Sauberer Sound, freundliche Gruppendynamik, wozu auch das rituelle Ausscheren von Joe Walsh gehört, der den Spaßvogel macht, das grinsende Teufelchen in der roten Lederjacke. Der Hardrocker steckt tief in ihm, seine alten Hits („Walk Away“, „Life’s Been Good“) fetzen ordentlich. Walsh ist für das Kantige und Eckige zuständig, Glenn Frey läuft rund wie ein Cabrio auf dem Highway. Der American Dream ist in dieser Zugewinngemeinschaft mit dem melancholischen Hippie- Bassisten Timothy B. Schmit noch lange nicht ausgeträumt.

Ein bisschen gesellschaftskritisch sind die US-Wappentiere neuerdings auch, siehe das Album „Long Road Out of Eden“, das hier eine gewisse Rolle spielt. Vor allem geht’s aber um die alten Nummern, und bei denen ist, „I Can’t Tell You Why“, keine Materialermüdung zu spüren. Don Henley stößt seinen heiseren „Desperado“-Stoßseufzer in die dunklen Wolken. „Take it Easy“, auch bei einsetzendem Regen. Rüdiger Schaper

KUNST

Bauch und Bogen im Haus Huth:

Die Daimler Kunstsammlung

Berlin ist einer der wichtigsten Orte für Kunst auf der Welt. Den Beweis erbringt zurzeit die Ausstellung „Private/Corporate“, die vierte Auflage einer Reihe in der Daimler Kunstsammlung. Werke aus Unternehmensbesitz antworten auf ausgewählte Stücke von Privatsammlern (bis 11. September, Haus Huth, Alte Potsdamer Straße 5, Mo-So 11-18 Uhr). Dieses Mal ist es das Ehepaar Juan und Patricia Vergez, die neben argentinischer Kunst aus ihrer Heimat auch internationale Positionen sammeln. Und vor allem in Berlin kaufen. Die Ausstellung lockt mit großen Namen und spannt einen riesigen Bogen: von Malerei über Konzeptkunst bis zur Performance. Und sie versucht eine kunsthistorische Einbettung der Werke.

Sylvie Fleurys Kollektion aus 102 Flakons, die alle mit unterschiedlich farbigen Flüssigkeiten gefüllt sind, antworten auf die Spektralfarben der Licht- Spiegel-Installation von Olafur Eliasson. Emilio Renart hängt mit seiner grau glitzernden Leinwand, unter der sich undefinierbare Formen abheben, schräg gegenüber von Enrico Castellanis Leinwand. Die ist über ein Raster von Nägeln gespannt und erhält so ebenfalls eine dreidimensionale Oberfläche. Unter dem Titel „Konzeptuelle Tendenzen“ treffen der israelische Künstler Absalon und der Argentinier Ernesto Neto aufeinander. Ersterer versucht, seinen Körper den Kanten, Ecken und Rundungen im Raum anzupassen, jenen weißen Bauteilen, die bei ihm alles sind: Skulptur und Möbel. Neto schmiegt sich in eine ebenso weiße U-förmige Wurst, das Gefühl im Mutterbauch nachfühlend. Manch gemeinsamer Nenner zwischen den beiden Sammlungen ist schnell gefunden. Anna Pataczek

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