KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

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KLASSIK

Brave Romantik: Hilary Hahn und Herbert Blomstedt mit dem DSO

Die Zugabe zündet. Hilary Hahn spielt ein Werk von Heinrich Wilhelm Ernst. Das ist Virtuosität pur, Grand Caprice für Violine allein „Der Erlkönig“. Ohne Vorbereiten verraten die ersten Akkorde, dass Schuberts Ballade pulsiert, dann webt die Violine die vier Stimmen von Erzähler, Vater, Kind, Gespenst ineinander. Dabei denkt kaum einer an Goethe, eher an Liszt und Paganini, den Abgott des Komponisten Ernst. Wesentlich ist der Triumph über technische Schwierigkeiten, auch dies ein Schönheitsideal der Romantik. Hahn vertritt es so, dass in der vollen Philharmonie der Beifall brandet, stärker noch als für ihre Interpretation des A-Dur-Konzerts von Mozart, die gleichsam nach innen gerichtet ist, zart, anmutig. Das einstige Wunderkind aus Amerika sucht den Seelenton, nimmt dabei das schwungvoll Selbstbewusste der Musik zurück. Träumerei von Mozart.

Seit 1991 arbeitet Herbert Blomstedt mit dem Deutschen Symphonie Orchester. Das Zentrum ihrer Gemeinsamkeit bildet Bruckner. Da unbestechliche Korrektheit und Feuer das Wesen des Dirigenten ausmachen, wird die erste Symphonie in klarem Pianissimo eröffnet. Die Musiker spielen ihm glänzende Farben zu. Ihre Orchesterpräzision ist ein Dank an den beliebten Maestro. Sybill Mahlke

SZENISCHES KONZERT

Scharfer Barock: Nico and the Navigators in der Zionskirche

Munchs „Schrei“ ist wieder aufgetaucht. Für etwa zehn Sekunden ist er in der Zionskirche zu sehen. Terry Weys Gesicht nimmt einen schmerzverzerrten Ausdruck an, immer höher treibt der Countertenor seine Stimme, bis Yui Kawaguchi ihm ein Stück Papier in den Mund stopft und selbst zu einem stummen Schrei ansetzt, sich die Haare rauft und mit aufgerissenen Augen verharrt. So endet das Lamento „Ach, dass ich Wasser g’nug hätt“ von J. C. Bach, eine klagende Weise barocken Elends. Was hat die protestantische Demut Bachs mit der säkularisierten Moderne zu tun? Dieser Frage geht die Compagnie Nico and the Navigators in ihrem szenischen Konzert „Cantatatanz“ nach.

Tänzerin Yui Kawaguchi interagiert mit den Musikern. Sie umschmeichelt den naiven Mönch Terry Wey der warnt: „Widerstehe doch der Sünde“ und der umherwirbelnden Shaolin-Tänzerin doch verfällt. Mit zackigen Gesten versucht sie, den Raum einzuteilen, aber scheitert daran, die Richtung zu weisen – barocke Ratlosigkeit. Die Navigators scheuen nicht die mutige Auseinandersetzung mit der Rezeption des Altmeisters: Als Violinistin Mayumi Hirasaki würdevoll zur Sonate bittet, reagieren die brav aufgereihten Zuhörer mit Ablehnung oder gespieltem Interesse. Kontrastiert mit fröhlicher Gamben-Tanzmusik (Jakob David Rattinger) vom Zeitgenossen Marais wirkt der Barocktitan gestelzt und überholt. Doch mit einer großen Pfeffermühle und viel Tanz- und Spielfreude verleihen die Navigators der schweren Kost eine ordentliche Portion Schärfe.Nantke Garrelts

THEATER

Fiktiver Realismus: „Der Hofmeister“ mit Rütli-Schülern am Gorki

Heinz Buschkowksy, der umstrittene Bezirksbürgermeister, darf natürlich nicht fehlen in einem Stück, das Neukölln ins Maxim-Gorki-Theater holt. Hilke Altefrohne trägt als altgediente Schuldirektorin schwarze Perücke und steht empört an der Stirn einer kreuzförmigen Tafel, um die sich Schauspieler und Publikum stehend und sitzend im Zuschauerraum verteilen. „Eins finde ich an Buschkowsky gut“, sagt die Direktorin, „er spricht von unseren Neuköllner Jugendlichen. Die leben nämlich nicht in einer anderen Welt. Sie gehören dazu.“ Auch zum Theater.

Zusammen mit Schülern der viel umraunten Rütli-Schule hat das Gorki ein zweiteiliges Stück über Bildungsmisere, Alltag im Kiez und die Lebenswirklichkeit von Schülern und Lehrern entwickelt – sehr locker angelehnt an den „Hofmeister“ von Lenz. Teil eins hatte vor einigen Wochen in einem improvisierten Straßentheater in der Pannierstraße Premiere, Teil zwei im Gorki heißt jetzt „Jeder Mensch ist ein Lehrer“. Gorki-Schauspieler geben Szenen aus dem Sturm- und- Drang-Klassiker, unterbrochen von einer fiktiven Lehrerkonferenz, bei der Schüler mitspielen. Zwischendurch gibt es Kurzinterviews mit echten Lehrern, die ein Loblied auf die Begeisterung singen oder die Abschaffung der Gymnasien fordern, damit das Konzept der Gemeinschaftsschule aufgeht. Das Wir-sammeln-Geschichten-Sammelsurium ist charmant und teilweise bewegend, aber so richtig ins Spielen kommen die Schüler nicht: Damit sie ihn nicht vergessen, wird ihnen ihr Text über Kopfhörer vorgeflüstert. Andreas Schäfer

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