KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

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ROCK

Kirschen mit Knödel:

John Mellencamp im Tempodrom

Es beginnt mit einem klassischen Fehlstart: Vor dem Konzert läuft erst mal „It’s About You“, ein Dokumentarfilm über John Mellencamps letzte Tournee mit Willie Nelson und Bob Dylan und über die Aufnahmesessions zu seinem letzten Album. Das Publikum im gut gefüllten, aber nicht ausverkauften Tempodrom zeigt sich wenig beeindruckt. Dann kommt endlich John Mellencamp zum ersten Mal seit 20 Jahren auf eine Tourneebühne außerhalb der USA. Zunächst nur mit kleiner Bandbesetzung ruckelt der Country- und Blueszug los. Doch selbst das hüftsteife Berliner Publikum ist spätestens bei „Check It Out“ auf den Stühlen. Nach einer halben Stunde zieht Mellencamp die Bremse und wechselt zu einem akustischen Set. Es wird ein abwechslungsreicher Abend: Zu der ausgezeichneten Band gesellen sich bald eine Geige und ein Bandonium oder ein Honkytonk-Klavier. Mal faucht Mellencamp einen Blues, dann knödelt er wie ein Dylan-Double, wechselt zu irischem Folk, um anschließend zu zeigen, wie druckvoll seine Rockstimme auch noch mit 60 Jahren ist. Ein „Springsteen für Arme“ ist dieser krachseriöse Verwalter des klassischen amerikanischen Liedguts schon lange nicht mehr. „Cherry Bomb“ gibt es nur unplugged und nur angespielt, aus dem Kracher „Jack And Diane“ wird eine Countryballade. „No Better Than This“ lautet der Tournee-Titel, besser wird’s nicht. So ist es! Lutz Göllner

FOTOGRAFIE

Rätsel mit Fellmütze:

Timotheus Tomicek bei C/O Berlin

Ein tristes Holzschiff auf einem Spielplatz und die Zahl 1492. Steinplatten im Gras und Spuren? Und: wozu die lärmige Installation in der Mitte des Raums, die föhnartig von Zeit zu Zeit einen kleinen weißen Ball in der Luft tanzen lässt? „Ernst ist das Leben, / heiter die Kunst“ heißt es bei Schiller. Adorno widersprach dem: Rätselhaft-dunkel müsse sie sein, wie das Leben selbst. Der Ausstellung „Play it again“ in der Fotogalerie C/O Berlin (Oranienburger Str. 35/26, bis 2.8.) hätten wohl beide etwas abgewinnen können: Die Bilder des Wiener Fotografen Timotheus Tomicek, die im Rahmen des Nachwuchswettbewerbs „Berlin Talents“ gezeigt werden, machen in Kombination mit den Text-Titeln von Kathrin Schönegg nachdenklich – und lassen schmunzeln. Die Zusammenführung von Disparatem hat bei ihm Prinzip. Die Diasec-Aufnahme von einem jungen Mann mit Fellmütze und Steinschleuder erinnert an niederländische Meister. „Blossom“ wiederum zeigt kitschig-leuchtende rosa Kirschbäume, unter denen Mädchen stehen. Motive und Medien sind bunt durcheinandergewürfelt: Neben einer Landschaft hängt ein Porträt, auf ein Miniaturfoto folgt eine Projektion, Trash kreuzt klassisches Zitat. Tatsächlich ist das mit Raffinesse angeordnet. Und schon legt der kleine weiße Ball wieder los – wohl im Sinne Adornos. Martin Ernst

KLASSIK

Talente mit Neugier: Sing-Akademie in der Gethsemanekirche

Ein großer Komponist war Ferdinand Hiller nicht. Das einstige Wunderkind, 1811 geboren, machte eher als Intendant, Konservatoriumsprofessor und Kapellmeister Karriere. Warum also die Sing-Akademie Ferdinand Hillers 200. Geburtstag mit einem Großaufgebot von Haupt-, Knaben- und Mädchenchor mit der Kammersymphonie Berlin begeht, erschließt sich in der Gethsemanekirche nicht. Eine Entdeckung sind die neu gesetzten Werke aber allemal: Sie belegen die überreiche Fülle des Musiklebens im 19. Jahrhundert. Die weit verbreitete Liebhaberei machte damals eben nicht bei der Reproduktion von Meisterwerken halt, sondern forderte auch die Kreativität von Kleinmeistern heraus. Auch die Sing-Akademie besteht ja aus sehr fähigen Liebhabern, die hier wieder mit stimmlicher Frische, erstaunlicher Intonationssicherheit und großer Neugier an die Bewältigung der unbekannten Werke geht. Die ohne Force beeindruckende Klanggewalt der akademischen Chöre hätte nur ein wenig Schliff von Leiter Kai-Uwe Jirka gebraucht, dessen dynamische Differenzierung sich zwischen laut und sehr laut erschöpft. Ein echtes Piano verbietet sich ja nicht allein wegen der Mitwirkung güldenen Blechs. Dennoch sorgen besonders Sopranistin Julia Giebel und ihre Knabenkollegen Lucjan Skoczowski und Benjamin Neubauer für ergreifende Momente in den letztlich doch sehr biedermeierlich-singspielhaften Epen. Christian Schmidt

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