KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

von

POP

Schweißdusche und Bademantel:

Chilly Gonzales in der Volksbühne

Wenn alles schief geht, könne er ja immer noch Kritiker werden: Leise Zweifel nagen sich durch Chilly Gonzales’ Raps in „Who wants to hear this?“ – eine entscheidende Frage zum neuen Album des Noch-Entertainers: Wer möchte Hip-Hop hören, der auf Beats und Samples verzichtet und stattdessen ein neunköpfiges Kammerensemble und einen ebenso exzentrischen wie virtuosen Ganzkörperpianisten – Gonzales himself – aufbietet? Die Frage ist eher rhetorischer Natur, die Volksbühne ist bis auf den letzten Platz ausverkauft, was man nicht von allen Konzerten während der sechsjährigen Berlin-Residentschaft des nimmermüden Exilkanadiers behaupten konnte.

Längst wohnt Gonzales in Paris und ist eine Berühmtheit. Seine unbedingte Bereitschaft, sich bei jedem Auftritt komplett zu verausgaben, ist legendär. Und auch zum Geschrumme und Gehupe des „Fuck Luck Orchestras“ hat er ruckzuck den Bademantel durchgeschwitzt. Seine halsbrecherische Kletter- und Stagediving-Einlage über die vorderen Ränge bringt für die beteiligten Fans blaue Flecken und eine unfreiwillige Schweißdusche. Chillys Verse sind kleine Meisterwerke mit raffiniert eingezogenen Metaebenen, in denen er die Krisenbefindlichkeit des Hip-Hop aufs Korn nimmt. Gut, dass wenigstens bei ihm alles super läuft: Apple-Boss Steve Jobs hat die simpel aufsteigende Drei-Ton-Notenfolge von „Never Stop“ so gut gefallen, dass er sie für die iPad-Werbekampagne eingekauft hat. Gonzales’ anarchischen Witz scheint dies eher noch anzuspornen: Fast zwei Stunden lang berserkert er durch ein mit alten Hits wie „Take me to Broadway“, für das sein Kanada-Kumpel Mocky hinters Schlagzeug steigt, aufgepepptes Programm und hinterlässt ein restlos begeistertes Auditorium. Jörg Wunder

KLASSIK

Stille und Spielfreude: Janine Jansen bei den Spectrum Concerts

So, genau so wie beim diesjährigen Saisonabschluss der Spectrum Concerts sollte Kammermusik sein. Wenn eine Geigerin von der Klasse einer Janine Jansen mit ihrer Stradivari mal am ersten und mal am zweiten Geigenpult Platz nimmt, weil jede Stimme gleich wichtig ist. Wenn eine Auftragskomposition wie Dobrinka Tabakovas Streichseptett „Such Different Paths“ von den Spielern so angenommen wird, dass sie das Stück zum zweiten Mal in der gleichen Konzertreihe spielen. Wenn nach dem Schlusston eine gespannte Stille im Kammermusiksaal entsteht – aus Scheu, die intensive Stimmung zu zerstören, die unmerklich aus sehr simplen, ja eigentlich banalen, kreisenden modalen Formeln entstanden ist. Wenn der Geiger Alexander Sitkovetzky und der Kontrabassist Stacey Watton in Isang Yuns Duo „Together“ ihre Klangfarben so aufeinander einstellen, dass sich Bassklänge aus rauchigen Jazzkellern und noch tieferen Erdschichten völlig zwanglos mit höchstem Flageolett verbinden. Wenn Felix Mendelssohns Oktett und Wolfgang Korngolds Streichsextett weder nach aufgeblasenem Quartett noch noch nach reduziertem Streichorchester klingen, sondern bis in jede Einzelstimme hinein eine flexibel changierende Sonorität entwickeln. Wenn dabei das unbekanntere Werk durch ein hochintelligentes Spiel mit Walzerzitaten frappiert, und der bekanntere Mendelssohn mit Anklängen an Schauerromantik überrascht. Wenn bei allen Musikern die Spielfreude aus den Augen blitzt. Weil hier keine „Interpretation“ zu Markte getragen wird, sondern grandiose Musiker ihre Neugier auf die Werke und aufeinander mit der Öffentlichkeit teilen. Carsten Niemann

0 Kommentare

Neuester Kommentar