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KLASSIK

Con amore: Das Collegium Musicum verabschiedet Manfred Fabricius

Wenn Manfred Fabricius seine Ära beim Collegium Musicum von FU und TU mit dem Finale aus Gustav Mahlers „Sinfonie der Tausend“ beendet, dann ist das keineswegs eine Geste der Vermessenheit. Denn es sind ja tatsächlich musikalische Massen, mit denen der Dirigent in den vergangenen 44 Semestern zu tun hatte. In der Philharmonie füllen die 450 Studierenden und Ehemaligen seiner vier Ensembles nicht nur die Bühne, sondern auch noch die Blöcke H, K und D, wenn sie sich in Mahlers Klangfluten stürzen. Der monumentale Abschluss einer zweieinhalbstündigen Tour de Force, die sich lustvoll an den Potpourri-Konzertprogrammen des 19. Jahrhundert orientiert, Vokales mit Instrumentalem mischt, quer durch alle Stile und Besetzungsgrößen streift.

Das Herzstück bildet Schostakowitschs 9. Sinfonie. Fabricius, der den Komponisten noch selber erleben durfte, trifft genau den Ton gefährlich-gefährdeter Doppelbödigkeit, das Sinfonieorchester spielt mit Verve und Empathie (tolles Fagott-Solo im vierten Satz!). Wie überhaupt die Leidenschaftlichkeit aller Beteiligten beeindruckt: Delikat gestaltet der Kammerchor Debussys „Trois Chansons de Charles d’Orléans“, prächtig entfaltet sich der Klang des großen Chores bei Brahms „Schicksalslied“ und „Nänie“. Das kleine Orchester steuert Sibelius „Finlandia“ bei, für Vivaldis „L’estro armonico“ kann Fabricius vier Konzertmeister aus seiner Amtszeit als Solisten aufbieten. Ein Abschied summa cum laude. Frederik Hanssen

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Licht hören: Alain Altinoglu

dirigiert das Konzerthausorchester

Die Berliner Flötistenszene ist gesegnet mit Virtuosen. Das fängt bei den Philharmonikern an und führt in diesem Fall zum Konzerthausorchester. Hier lösen einander gerade zwei Soloflötisten aus den eigenen Reihen ab. Während Silvia Careddu in dem Ravel-Orchester von „Daphnis et Chloé“ die Flöten anführt, ist Pirmin Grehl Solist des Abends. Er spielt das einzige Werk von Jacques Ibert, das bis heute im öffentlichen Bewusstsein blüht: das Flötenkonzert. Eine Meisterleistung, weil Grehl mit seiner Suche nach verlorener Schönheit das Stück veredelt. Er vermittelt, dass für ihn mehr dahinter steckt als Oberflächengrazie: musikalische Seele. Mit freiem Ton geht seine Interpretation den Weg einer bis in die Abphrasierung erfüllten Kantabilität.

Uraufführung: Paris. Das gilt – ausgenommen ein kleines Adagio von Guillaume Lekeu – für alle Kompositionen, die Alain Altinoglu im Konzerthaus dirigiert. Auch er kommt aus Paris, ein versierter, effektbewusster Dirigent, zumal einer „Danse générale“ von Ravel. Sonnenaufgang auch bei Debussy, „La mer“. Man hört das Licht, ein fast synästhetischer Vorgang: „der Töne Licht.“ Wie es auf den Wellen flimmert, das musiziert Altinoglu gespannt diskret, bis ihm die Nuance in Richtung einer dichteren Pauschalität entgleitet. Mit diesem Füllhorn von Impressionismus verabschiedet sich das Orchester in den Sommer – in Erwartung einer chefdirigentenlosen, aber hoffnungsvollen Saison zwischen Lothar Zagrosek und Iván Fischer.Sybill Mahlke

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