KURZ  &  KRITISCH  :  KURZ  &  KRITISCH 

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KLASSIK

Märchenhaft: Christine Schäfer mit Daniel Barenboim und Staatskapelle

Bei der Uraufführung des „Pierrot lunaire“ trug Frau Zehme ein Pierrot-Kostüm. Das magische Werk, im Auftrag der Diseuse vor 100 Jahren komponiert, eröffnete den Weltruhm Schönbergs. Und heute tritt auf beglückende Weise eine Sängerin dafür ein, dass das unerhört Neue daran lebendig geblieben ist, paradox gesagt, wie „alter Duft aus Märchenzeit“: Christine Schäfer. Ihr Kostüm spiegelt diese Vergangenheit in der Gegenwart: Pierrot mit Latzhosen-Feeling. Im Schillertheater dirigiert Daniel Barenboim das famose fünfköpfige Ensemble aus der Staatskapelle, das Klangüberraschungen durch alternative Instrumente (Klarinette, auch Bassklarinette; Geige, auch Bratsche), Klavier, Cello erreicht.

21 Gedichte von Giraud, übersetzt von Hartleben. Die Musik – Überbrettl, Atonalität, Walzer, Passacaglia – führt Jugendstil und Symbolismus in ihr eigenes Reich: „Des Mondlichts bleiche Blüten.“ Verlangt ist „eine Sprechstimme“. Das Programm kündigt Schäfer als Sopran an, was sie zweifellos ist, ob als Lulu, Cherubino oder Messiaen-Engel jüngst in München. Aber Pierrot lunaire ist nicht zu singen, sagt der Komponist. Die Notation des Sprechgesangs verwendet Kreuze statt Notenköpfe. Viele Rätsel, Widersprüche auch vonseiten Schönbergs. Bei Schäfer hat sich eine Interpretation entwickelt, die für sich „spricht“. Das Wunder heißt Konzentration, Virtuosität in weitem Ambitus, heller Klang, Geräusch, Flüstern, Korrektheit, Demut vor allem: Märchenzeit. Sybill Mahlke

KUNST

Verkannt: Eine ägyptische Rarität

im Museum für Islamische Kunst

Stefan Weber ist begeistert. Als „fantastisches Stück“ bezeichnet der Direktor des Museums für Islamische Kunst die neueste Dauerleihgabe in seinem Haus (Bodestraße 1 –3, tägl. 10 –18, Do 10 –22 Uhr). In der Tat ist der ägyptische Bergkristallkrug ein wunderschönes Objekt, seine Geschichte kurios: Um 1000 schnitzte ihn ein Kunsthandwerker aus einem einzigen Quarzblock. In grobe Form gehauen, wurde er ausgehöhlt und mit Wachs gefüllt. Aus dem harten Mineral arbeitete er feinste Ornamente heraus. 30 Zentimeter hoch ist der Krug und gerade mal ein bis zwei Millimeter stark. Ein Luxusgut für die Fatimiden, einer schiitisch-ismailitischen Dynastie, die in Nordafrika und dem Vorderen Orient regierte. 1854 erhielt das Meisterwerk durch Jean-Valentin Morel, Königin Victorias Hofjuwelier, eine emaillierte Goldfassung. Seitdem schlummerte es unerkannt in englischem Familienbesitz, bis es 2008 bei einer Auktion für 200 Euro ausgepreist wurde – man hielt es für einen Rotweinkrug. Die Versteigerung wurde für nichtig erklärt. Dann gelang es dem Sammler und Ehrenkurator Richard de Unger, das Objekt für 3,6 Millionen Euro zu ersteigern. Für Museumsdirektor Stefan Weber „ein wahres Schnäppchen“. Daniel Grinsted

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