KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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KLASSIK

Fest und Feuer: Classic Open Air

am Gendarmenmarkt

Erst seit 2009 leitet Antony Hermus die Anhaltische Philharmonie Dessau, doch die Früchte kann man jetzt schon hören: Bei der Eröffnung von Classic Open Air am Gendarmenmarkt. Mit fester Hand und entschlossener Gestik hat der Niederländer sein traditionsreiches, 1766 gegründetes Orchester in der Hand, Händels Feuer- und Wassermusiken klingen so noch festlicher, Strauss’ „Fledermaus“-Ouvertüre noch walzerseliger, Verdis Chor der spanischen Stierkämpfer aus „La Traviata“ noch feuriger als sonst. Die Musiker sind zweifellos der Höhepunkt dieses für Initiator Gerhard Kämpfe so glücklichen Abends. Jeder hat noch das Desaster vom Samstag vor Augen, als das Waldbühnenkonzert der Philharmoniker im Dauerregen versank. Jetzt tut der Himmel, als sei er völlig unschuldig, lächelt in mediterranem Blau, ein paar hingezuckerte Wölkchen verziehen sich schnell. Moderator Herbert Feuerstein gibt sich gewohnt verzuselt, macht erwartbare Witzchen („Turandot ist jene gnadenlose Frau, die den Männern Rätsel aufgibt – wer kennt das nicht von zu Hause?“) und hat ansonsten die Aufgabe, die in handliche Fingerfood-Häppchen zerteilten Musikbeiträge anzukündigen. Auch nach 20 Jahren darf die Frage erlaubt sein, wie viel die Besucher von Papagenos (Frank Matthias) Seelennöten begreifen, wenn sie nur das Happy End, das freudige Plapperduett mit Papagena (Alenka Genzel) mitbekommen. Bei den Solisten sticht der bittersüße Sopran von Jana Büchner als „Carmen“-Micaëla heraus, die leider nur eine einzige Arie singt. Gastdirigent und Potsdamer Filmmusik-Professor Bernd Wefelmeyer kann mit einem verpoppten Arrangement von Händel-Arien nicht überzeugen, Angelika Weiz mit angerauchter Rock-Röhre umso mehr. Aber mit einem Orchester wie dem Dessauer werden sowieso alle Auftritte veredelt.Udo Badelt

KUNST

Lust und Hass: Dorit Bearach

in der Galerie Parterre

Intensivstes Blau in schwarzen Gründen, Ocker wie antikes Gold. Die Gemälde der 1958 in Tel Aviv geborenen Dorit Bearach besitzen eine raue, materialverliebte Schönheit, die flüchtig betrachtet geradezu dekorativ wirkt. Archaische Motive wie Fisch und Stier, Torso und Skelett schälen sich zeichenhaft eingeritzt oder vage angedeutet aus den Farbablagerungen. Aus aktuellen Kunstdiskursen und Stiltendenzen hat sich die Malerin ausgeklinkt. Für sie bleiben die wirklich wichtigen Themen ohnehin immer dieselben: Liebe, Hass, Lust, Wut und Trauer. Galerieleiterin Kathleen Krenzlin, die Bearachs Arbeiten seit vielen Jahren verfolgt, zeigt vor allem die düstere Seite ihres Werkes, flankiert von federleichten Tusche- und Kohlezeichnungen (bis 24.7., Galerie Parterre, Danziger Str. 101, Mi–So, 14–20 Uhr). Bearach kam 1980 als junge Kommunistin zum Kunststudium nach Dresden. Ihre politische Glaubensüberzeugung blätterte irgendwann ab, Bearach blieb trotzdem. Was ihr Werk als politisch grundiert, ist auf der Oberfläche ihrer zeitlos wirkenden Bilder kaum abzulesen. Schmerzhaft verfolgt Dorit Bearach die sinnlose Gewaltspirale der ineinander verbissenen Kriegsparteien im Nahostkonflikt. Die aktuellen Kriege mischen sich in ihrem Bilddenken mit biblischen Geschichten, von Abraham und seinen Söhnen, von Sarah und Hagar. Im Gespräch darüber lacht die Künstlerin plötzlich, Fatalismus und Trotz im Blick. Elke Linda Buchholz

FILM

Mond und Meer: Wolfgang Fischers

Psychothriller „Was du nicht siehst“

Was lauert in den Schatten da draußen? Anton steht am Fenster des Ferienhauses in der Bretagne, das mit seinen abgerundeten Türen an ein U-Boot erinnert, und schaut hinaus in das Dunkel des rauschenden Baummeers. Mondlicht fällt herein, der Raum wirkt wie eine Unterwasserwelt. Anton hat Angst vorm Wasser. Zu sehr erinnert es ihn an die Schwimm- und Angelausflüge mit seinem Vater, der sich in einer Badewanne das Leben nahm.

Der Regisseur und Autor Wolfgang Fischer studierte fünf Jahre lang Kunst und Psychologie, bevor er sich dem Film zuwandte. Im Psychothriller „Was du nicht siehst“ verbindet er beide Disziplinen zum beklemmenden Psychogramm von Jugendlichen ohne Vaterfigur. Der traumatisierte Teenager Anton (Ludwig Trepte) reist mit seiner Mutter Luzia (Bibiana Beglau) und deren Freund Paul (Andreas Patton) in die Bretagne. Man spielt Normalität, doch der Versuch schlägt fehl. Anton leidet nicht nur unter pubertätsbedingter Unsicherheit, sondern unter dem Trauma, die Leiche des Vaters gefunden zu haben. Und nun ist auch seine Mutter nicht mehr nur für ihn da.

Die Wut darüber treibt ihn in die Arme von David (Frederick Lau) und Katja (Alice Dwyer), die ohne elterliche Aufsicht im benachbarten Ferienhaus wohnen. Die beiden verkörpern die Freiheit und Zügellosigkeit, die der introvertierte Anton auch gerne ausleben würde: David scheut nicht davor zurück, in einer Tankstelle Schnaps zu stehlen oder sich bei französischen Jugendlichen Respekt zu verschaffen, indem er einem von ihnen den Arm bricht. Sein erotisches Verhältnis zur rätselhaften Katja weckt auch bei Anton die Begierde.

Fernab der Zivilisation begeben sich die drei nun auf einen rauschhaften Selbstfindungstrip. Die Natur wird zum Spiegel ihrer inneren Welt: An den Steilküsten blicken sie in ihre eigenen tosenden Abgründe. Im Kontrast dazu steht das abgeschirmte Interieur des U-Boot-Hauses. Die Kamera beobachtet distanziert, ein namenloser, kalter Schrecken regiert, der auf den Ausbruch zu warten scheint. Die Rituale erinnern an Voodoozauber: Im Pilzrausch rennen die Jugendlichen durchs Unterholz und werfen sich in einen Waldtümpel, auf dessen Oberfläche braune Blätter und ein verwesendes Reh treiben. Was lauert im Schatten da draußen? Ein Ungeheuer wartet eine Schwäche seines Opfers ab und schlägt zu. Eine Person fehlt, als das Familienauto den bretonischen Spätsommer hinter sich lässt. Nantke Garrelts

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