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Volker Lüke

ROCK

Verdreht: Tu Fawning, Deerhoof und Esben & The Witch in der Volksbühne

Alles infrage stellen – das ist der wichtigste Akt, der die Gruppen verbindet, die sich die Volksbühne zum Spielzeitabschluss ins Haus geholt hat: Drei völlig unterschiedliche Bands aus dem Pop-Underground, die sich wohltuend vom landläufigen Fast-Food-Pop unterscheiden. Los geht’s mit Tu Fawning, ein Quartett aus Portland, das mit melodischer Trompete, psychedelischen Gitarren, Zirkusmelodien und der verblüffenden Demonstration, dass man gleichzeitig Gitarre und Schlagzeug spielen kann, in die komische Ecke vordringt, in der sich Tom Waits mit Portishead und den Talking Heads trifft. Manchmal klingt es wie getretene Katzen, das meiste ist aber schönster Alice- im-Wunderland-Pop, gerade weil alles so verdreht ist.

Noch verdrehter sind Deerhoof aus San Francisco. Während der Drummer sein Mini-Schlagzeug vermöbelt und die beiden Gitarristen zur Höchstleistung anspornt, hüpft die japanische Bassistin. Sie ist kaum größer als ein Kühlschrank und bildet mit ihrem kindgleichen Gesang einen hübschen Kontrast zum harschen Postcore-Geholze, das in unerforschte Gefilde der Hypermotorik führt. Voller ungezügelter Energie treibt sie die Suche nach dem nervösen, aufgeriebenen Muster voran, das fast scheut, was nach Zusammenhalt riecht. Und wenn die vier mittendrin sind in der Absurdität oder dem Chaos, dann hören sie einfach auf und lachen über sich. Weniger lustig ist der Auftritt von Esben & The Witch aus Brighton, die sich nach einem dänischen Schauermärchen benannt haben. Mit beschwörendem Mädchengesang, rituellem Gruftgetrommel und sphärischen Gitarren, die sich wie kalte Knochenhände aufs Trommelfell legen, versucht das Trio den Gothic-Sound der frühen Achtziger in die Gegenwart zu retten und bleibt doch nur im Nebel stecken. Die Zukunft soll schwarz sein. Nimm dich in Acht. Volker Lüke

GRAFIK

Verspielt: Plakatkunst

im Foyer des Kulturforums

Ein weißes Plakat. In der oberen Hälfte ein kleiner roter USB-Stick, darunter der Satz „Das Plakat ist auf dem Stick“. Gestaltet hat es der Wismarer Designstudent Frank Schießer. Sein hintergründiger Kommentar zur rasenden Digitalisierung und Virtualisierung des Alltags wurde von dem Berner Grafiker Claude Kuhn und fünf weiteren Juroren unter die „100 besten Plakate 10“ aus Deutschland, Österreich und der Schweiz gewählt. Insgesamt nahmen 1623 Einsendungen an der Ausschreibung für 2010 teil.

Die Siegerentwürfe sind nun im Foyer des Kulturforums Potsdamer Platz (Matthäikirchplatz 6, bis 17.7., Di-Fr 10-18, Do 10-22, Sa/So 11-18 Uhr) zu sehen, bevor die Ausstellung durch fünf weitere Städte wandert. Der Wettbewerb gilt als wichtige Institution aktuellen Plakatdesigns und wurde zum zehnten Mal im internationalen Maßstab ausgeschrieben. Die Jurymitglieder Andrew und Jeffrey Goldstein sprechen von einem repräsentativen Querschnitt durch die gegenwärtige Plakatgestaltung. Alle ausgewählten Entwürfe seien schlüssig, konsequent und nachvollziehbar. Im Alltag hat das Sekundenmedium Plakat meist nur wenig Zeit, durch überraschende Gestaltung auf sich aufmerksam zu machen. In der Ausstellung können sich die Besucher in aller Ruhe ein Bild machen. Doch so vielfältig die Auswahl sein mag: Nicht alle Plakate überzeugen. Überraschend viele wirken halbherzig, verlassen sich zu sehr auf grafische Spielereien. Sie erscheinen unübersichtlich, ideenlos. Frank Schießers roter USB-Stick zählt zu den originellen Ausnahmen. Daniel Grinsted

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