KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

von

TANZ

Kultkörper: Das Gastspiel des

Alvin Ailey American Dance Theatre

Wenn das nicht bemerkenswert ist: Eine kommerzielle Show-Premiere, die ganz ohne C-Promis auskommt! Zum Start der Europatournee des Alvin Ailey American Dance Theatre am Dienstag in der Deutschen Oper werden sie auch gar nicht vermisst, die üblichen „GZSZ- Stars“ und was sich an Talmi-Titelträgern sonst noch so bei Hauptstadt-Events tummelt. Stattdessen hat sich hier eine glänzendere Mischung versammelt aus jungen Fans und Menschen, die für das geistige Leben der Stadt wirklich relevant sind. Begeisterung vibriert im Saal – und entlädt sich dann nach jeder Nummer in Begeisterungs-Böen, wie man sie an diesem Haus in den letzten sieben Jahren nicht gehört hat (weitere Aufführungen bis 17. 7.).

Es macht aber auch einfach Spaß, Tänzern zuzusehen, die sich so sichtbar wohlfühlen in ihren Körpern. Was die Amerikaner mitbringen, ist Ballett ohne den philosophischen Überbau der hiesigen Szene. Hier analysiert keiner tanzend die von gesellschaftlicher Sprachlosigkeit ausgelöste Dysfunktion menschlicher Gliedmaßen, hier heißt es einfach: Schüttle dein Haar für mich, Baby! Und alles, was bei dir sonst noch beweglich ist! Enorm das Spektrum der Choreografien: Vom bonbonbunten Entertainment der „Love Stories“ über die harten Beats von Robert Battles „The Hunt“ bis zu Alvin Aileys autobiografischen „Revelations“ von 1960, die über die Jahrzehnte von der Anklage ans rassistische Amerika zum pittoresken Bilderbogen aus fernen, bitteren Zeiten geworden sind. Frederik Hanssen

KABARETT

Kreditkartenspiel:

„Nimm 3“ im Kabarett Distel

„Ulrike, der Kubaner hört nicht zu!“ beschwert sich Hans-Rüdiger. Der Deutsche macht in Havanna Urlaub und versucht tatsächlich, einen Kubaner beim Salsatanzen zu verbessern. Absurd komisch und peinlich wird der Mäkler von Kabarettist Martin Maier-Bode verkörpert. Gemeinsam mit seinen Kollegen Simone Solga und Michael Frowin parodiert er im neuen Programm „Nimm 3“ (bis 30.7. tägl. außer So, 20 Uhr) des Kabaretttheaters Distel nicht nur den typisch deutschen Hang zur Besserwisserei und Pedanterie. Auch Phänomene wie der gutbürgerliche GrünenWähler, stets bereit die Welt zu retten, „so lange er es mit seiner Kreditkarte erledigen kann“, werden thematisiert. Außerdem mit von der Partie: die ersten Menschen – hier heißen sie Lucy und Lumpi –, Gott und der Teufel.

Während der erste Teil des Spektakels kurzweilig und unterhaltsam über die Bühne geht, wirken die Scherze im zweiten Teil oft hölzern. Besonders die rassistischen Bayern und die Lobgesänge auf das deutsche Kulturgut sind eher unlustig. Die Frage, ob das „schwarze Etwas“, das beim Autounfall unter die Kühlerhaube gerät, nun ein Schwein oder ein „menschliches schwarzes Schwein“ – ein Afrikaner – ist, hinterlässt beim Zuschauer gelinde gesagt ein mulmiges Gefühl. Schwarz ohne Humor. Gott (Martin Maier-Bode) beschließt den knapp zweistündigen Abend. Als weiß gekleideter Dandy lässt er sich auf einen Deal mit Lucy und Lumpi ein: „Du glaubst an uns und wir an dich.“ Dann kann es ja losgehen mit der Evolution … Hannah Ellermann

FOTOGRAFIE

Höhlenbewohner: Daniel Schwartz bereist das Hinterland der Kriege

„Ich gehe in der Geschichte spazieren“, sagt Daniel Schwartz. Von 1995 bis 2007 war der Schweizer Fotograf in einer Weltregion unterwegs, in der sich die Kulturen seit Jahrtausenden überlagern. Zwölf Länder in Zentral- und Südasien hat er mit seiner Hasselblad bereist. Die Fotografie ist für den 55-Jährigen ein Handwerk, aus dem zuweilen Kunst entstehen kann, wenn das Erhabene erfasst wird. Schwartz arbeitet analog, jedes Bild muss relevant sein. Mit „Schnee in Samarkand – Ansichten aus dem Hinterland der Kriege“ zeigt der Martin-Gropius-Bau (Niederkirchnerstr. 7, bis 12. 9., Mi –Mo 10– 20 Uhr) eine sehr politische Ausstellung, die mit poetischen Bildern berührt.

Es geht um den Alltag der Menschen, Kriege, Ressourcen, die Gegenwart der Geschichte. Manche der 43 Fotografien verstören, etwa die von massakrierten Infiltranten in Kaschmir oder von Kindern in Ulan-Bator, die in unterirdischen Hohlräumen leben. Andere faszinieren: Reste griechischer Säulen im Norden Afghanistans, die farbenprächtige Zubereitung eines Lammgerichts im kirgisischen SaryTash, das imposante Industal in der Nähe der pakistanisch-chinesischen Grenze. Schwartz hat zwischen die Fotografien Textbilder eingefügt. Bewundernswert, wie er die Atmosphäre und Geschichte dieser hochbrisanten und kulturell so vielseitigen Region zu vermitteln vermag. Fernab der gewohnten Nachrichtenbilder. Daniel Grinsted

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben