KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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Klettern lernen. Ein Workshop. Foto: promo
Klettern lernen. Ein Workshop. Foto: promo

ROCK

Stehen, Sitzen, Liegen:

Brian Setzer im Huxley’s

Mit „Ignition“ verdichtet Brian Setzer sein explosives Gemisch aus Rockabilly, Swing, Jump ’n’ Jive, Eddie-Cochran- Kräh-Gesang und twängender Gitarre, lässt Hochspannungsfunken in die Masse im Huxley’s überspringen, zündet sein Rock’n’Roll-Feuerwerk und bringt den „’49 Mercury“ auf Touren. Setzer im Teddy-Boy-Drapesuit mit giftgrünem Schalkragen, grünen Creepers und giftgrün glitzernder Gretsch-Halbakustikgitarre, auf der er sein außerordentliches Talent zum Funkeln bringt, ohne ein einziges Effektgerät, aber mit jeder Menge Raffinesse aus der besten alten Schule.

Wobei der 51-jährige Setzer keineswegs einen alten Stil museal konserviert, sondern auf eigene Art lebendig hält. „8-Track“ treibt er voran mit Country-Picking in fingerbrecherischer Geschwindigkeit, ohne je über Töne, Takte oder Timing zu stolpern. Mit reizvollen Double-, Triple- oder Quadrupel-Stops. Da ist eine umwerfende Instrumentalversion von „Blue Moon Of Kentucky“, die er durch diverse Spielarten jagt, vom swingenden Jazz bis zum Cash/Perkins- Boom-Chicka-Boom.

Irgendwann werden die brillanten Begleiter abgelöst an Kontrabass und Schlagzeug, und Setzer wechselt die grüne Gretsch gegen eine orangefarbene. Die habe er bei den Stray Cats gespielt, sagt er. Mit seinem alten Cats-Kumpel Slim Jim Phantom am ratterigen Stehschlagzeug und Chris D’Rozario am knupperigen Kontrabass bringt er ein paar alte Stray-Cats-Hits noch einmal zum Glühen. Zu „Fishnet Stockings“ kehrt Bassist Johnny Hatton zurück, Setzer schleppt einen weiteren Kontrabass an, sie bumpern zu dritt, reiten die Instrumente, wirbeln sie durch die Luft, spielen auf dem Rücken und im Liegen, ohne auch nur einen Beat zu verpassen. „Rock this town!“ Haben sie geschafft. Auf Brian Setzer kann man immer setzen. H.P. Daniels

KUNST

Luft, Boden, Körper: Pia Lindman

im Haus der Kulturen der Welt

Eine Erbse. Sie knackt zwischen den Zähnen, schmeckt süß, nach Wiese. Pia Lindman hat sie aus dem „Oxid Bungalow“ gepflückt, ihrem Kunstwerk am Spreeufer hinter dem Haus der Kulturen, einem Pavillon aus Leergutkästen, die Lindman mit Torf gefüllt hat. Erbsen, Klee und asiatischen Kohl hat sie gepflanzt: Material, das Gärtner und Heilkundler zur Reinigung von Luft, Boden, Körper einsetzen.

Während des Festivals „Über Lebenskunst“ sollen Besucher in dem Pavillon entgiften können. Die ökologische Installation der finnischen Künstlerin lebt von der praktischen Anwendung. Im „Labor Berlin“-Saal hat sie Hängematten in Prismenfarben und ein Filzzelt aufgebaut, Organe aus Strickwolle und Farbexperimente mit Flüssigkeiten wie Blaubeersaft und Urin. Ein Tagebuch berichtet von Lindmans Versuchen, von einer Quecksilbervergiftung zu genesen. Obwohl spröde inszeniert, regen vor allem die Notizen zum Studium an und machen neugierig auf die Workshops, in denen die Künstlerin Dienstleisterin wird: Im Filzzelt will sie die Lymphen der Teilnehmer behandeln, im Garten Erwachsenen beibringen, auf Bäume zu klettern (Ausstellung bis 4.8. sowie 5.9.-31.10, Mi-Mo 11-19 Uhr. Workshops: 12.8., 9.9, 14.10, jeweils 18 Uhr. Anmeldung: piuska@mac.com). Claudia Wahjudi

KLASSIK

Weich, spitz, dicht: Lunchkonzert des Kammerensembles Neue Musik

Das Kammerensemble Neue Musik Berlin will seine Musik aus den Konzertsälen in die Stadt bringen: An wechselnden, teils ausgefallenen Spielorten gelingt ihm das mit der Reihe der Lunch- und After-Work-Konzerte ganz vorzüglich. Beim musikalischen Porträt der kanadischen Komponistin Annesley Black tobt das Leben am Mittwoch im Café des ZDF-Hauptstadtstudios Unter den Linden unbeirrt weiter – die zarten Flageolett- und Glissando-Seufzer des Solostücks „Maiko“, die Kirstin Maria Pientka auf der Bratsche zum nuancenreichen Spannungsbogen zusammensetzt, gehen im Stimmengewirr und Gläserklappern fast unter.

Doch der Faszination von „Smooche de la Rooche“ – der Nonsenstitel meint „Tu, was dir Spaß macht“ – tut die Geräuschkulisse nichts. Das Werk aus der Reihe der „Sportstücke“, die die bei Mathias Spahlinger ausgebildete und schon mit vielen Auszeichnungen bedachte 32-Jährige zunehmend schreibt, vermengt virtuos akustische und visuelle Wahrnehmungen. Rebecca Lenton, Winfried Rager und Arnulf Ballhorn produzieren als athletisch begabte Schlagzeuger harte Beckenschläge und weiches Trommelrasseln, spitzzüngige Neckereien mit Kazoo und Lotosflöte. Live-Elektronik (Klangregie: André Bartetzki) flicht daraus ein dichtes, den Zuhörer umstrickendes Klangnetz.

Sie verstärkt auch das Geräusch der Springseile, mit denen die Spieler anschließend atemberaubendste Kunststücke vollführen. Wer jetzt noch im Raum flaniert, könnte einen Hieb abbekommen oder in die Röhrenglocken laufen. Doch die Klänge entfalten rauschend, keuchend, stampfend auch dann ihre Wirkung, wenn die Performance nicht zu sehen ist (der nächste 13.30-Uhr-Auftritt am 20. 7. in „Mein Haus am See“ in der Brunnenstraße. Weitere Termine der kostenlosen Konzerte unter www.kammerensemble.de). Isabel Herzfeld

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