KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

von
Lebendskulptur. Artisten der Kompagnie C!rca im Chamäleon. Foto: Eventpress/Hönsch
Lebendskulptur. Artisten der Kompagnie C!rca im Chamäleon. Foto: Eventpress/HönschFoto: Eventpress Hoensch

VARIETE

Für Wagemutige: die Show

„Wunderkammer“ im Chamäleon

Tut es weh, wenn einem eine Frau mit hochhackigen Schuhen auf dem Bauch herumstakst? Wie viele Menschen können sich aufeinander stapeln, bevor alle umkippen? Wonach schmeckt das giftgrüne Gummi, das der eine Artist gerade dem anderen aus der Nase zieht? Das sind nur einige der Fragen, die sich bei der „Wunderkammer“-Show im Chamäleon aufdrängen. Vielleicht ist es das, was Yaron Lifschitz, künstlerischer Leiter der australischen Kompagnie C!rca, meint, wenn er sagt, das Publikum solle nicht unterhalten, sondern herausgefordert werden.

Wer bei „Wunderkammer“ an orientalische Schätze denkt, wird allerdings enttäuscht. Ein schwarzes Leinentuch hängt von der Decke, das ist alles. Doch aufs Bühnenbild achtet hier sowieso keiner. Und das ist erstaunlich, denn die sieben Artisten von C!rca betreiben zwar eigentlich ganz klassische Artistik mit Trapez oder Ringen, aber es fühlt sich anders an. Die Australier sind nämlich auch Darsteller, Komiker, Pantomimen, die kleine Geschichten inszenieren. Sie verfeinern manchen Augenblick, bringen eine Stimmung, ein Gefühl auf den Punkt: Stolz, Überraschung, Ratlosigkeit, Entsetzen – die barocke Affektenlehre in modernem Gewand. Rudi Mineur und Todd Kilby krabbeln an einer Stange herum wie zwei Raupen, die miteinander ringen und am Ende friedlich verschmelzen. Jessica Connell lässt zehn Hoola Hoop-Reifen gleichzeitig über ihren Körper abwandern – und es sieht aus wie eine poetische, fragile Skulptur. Vieles wirkt noch beeindruckender, weil es von treffsicher ausgewählter Musik unterstützt wird: Portugiesischer Fado ist darunter, ein Klavier-Geige-Duett, „Cats And Dogs Are Not Our Friends“ von Camille, Trance, HipHop, Drum’n’Bass, Beatboxing. Dennoch erinnert das Ganze immer noch an eine Nummernrevue. So, wie es sich der neue Chamäleon-Direktor Hendrik Frobel vorstellt – durchinszeniert, mit einer Geschichte, die den ganzen Abend trägt – ist „Wunderkammer“ noch nicht. Aber ein erster Schritt dahin. Udo Badelt

KLASSIK

Für Mutige: „Klassisch abhängen“

im Radialsystem

Ein uncoolerer Name als „klassisch abhängen“ ist kaum vorstellbar. Man wittert diese Marketingmasche, E-Musik in möglichst modische U-Gewänder pressen zu wollen, ihr eine (pseudo-)zeitgemäße Legitimation anzukleben. Gut, dass es sich im Radialsystem auf den Titel beschränkt: Wichtiger als das Abhängen ist beim Start der sechsteiligen Konzertreihe die Möglichkeit, eine Darbietung auf zwei verschiedene Weisen zu erleben: einmal im Saal des Hauses – der sich von der normalen Konzertsituation nur durch Sitzmatten und dezentes Lila-Licht unterscheidet – und einmal auf der Terrasse, von der aus man die Musik in Liegestühlen und mit Blick auf die Spree über Lautsprecher verfolgen kann (wieder am heutigen Samstag und vom 21. - 23. 7. mit Schubert-, Mozart- und Bach-Programmen, 21 Uhr).

Der Mut (den an diesem Abend nur wenige aufbringen), zwischen den Werken aufzustehen und rauszugehen, wird belohnt: Der italienische Frühbarock von Monteverdis Zeitgenossen Giovanni Battista Fontana und Giovanni Buonamente, den William Dongois und das Ensemble Le Concert Brisé drinnen darbieten, verliert trotz mittelmäßiger Übertragungsqualität draußen fast nichts an klanglicher Transparenz und satztechnischer Detailverliebtheit. Im Gegenteil. Wer sich drin an der Darbietung auf den historischen Instrumenten erst einmal sattgesehen hat, kann draußen, beim reinen Hören der Sonaten, andere Facetten entdecken.

So finden etwa die harmonischen Wagnisse einer Epoche, die die Fesseln der Kirchentonarten abstreift und sich dem Novum von Dur und Moll zuwendet, ihren Weg ungebremst durch die Lautsprecher. Das Neue steckt in der Musik, nicht in den Liegestühlen. Daniel Wixforth

KUNST

Für Westreisende:

Friedrich Kunath im Schinkel-Pavillon

Ausgerechnet die Banane. Als Synonym für DDR-Mangelwirtschaft steht sie im Zentrum der Soloausstellung von Friedrich Kunath im Schinkel-Pavillon (Oberwallstr. 1, bis 31. Juli, Do-So 12-18 Uhr). Kunaths Banane – die komische Skulptur eines Violinisten – ist krumm, weil sie sich verbeugt. Vor den Mächtigen? Der Pavillon diente dem Empfang von Staatsgästen. Kunaths zwischen Witz und Melancholie pendelnde Schau „Lonely are the Free“ ist ein intelligenter Essay über die Freiheit des Künstlers. Er selbst, 1974 in Chemnitz geboren, 1986 in die BRD gegangen, kann mitreden. Seit 2008 lebt der Multimediakünstler in Los Angeles. Wenn schon Westen, dann richtig.

Die Bar voller Zeichnungen und Collagen, die Kunath im Vorraum eingerichtet hat, wirkt wie ein Kommentar auf die frühere Funktion des Pavillons im Garten des Kronprinzenpalais. Repräsentationskunst war gestern, hier wird „Ich“ gesagt. Eine Freiheit, die Kunath immer wieder auf den Prüfstand stellt. Einige Malereien – darunter ein gefährlich balancierender Akrobat und ein Clown, der sich in Luft auflöst – erzählen vom möglichen Scheitern im Grenzenlosen. Eine kindliche Raumzeichnung schwirrt um die Banane herum: ein Vogelschwarm aus Schnürsenkeln, zu Doppelbögen geformt und von Nylonfäden herabhängend. Auf dem Boden ein Sportschuhpaar. Mit offenen Schuhen steht die Freiheit auf unsicheren Füßen. Jens Hinrichsen

0 Kommentare

Neuester Kommentar