KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

Martin Ernst

ETHNOPOP

Orient und Okzident: 

Khaled im Haus der Kulturen

Das Wetter hält sich wacker an diesem bewölkten Freitagabend, dafür regnet es euphorischen Applaus, als Detlef Diederichsen den „Roi du Raï“ auf der Dachterrasse des Hauses der Kulturen ankündigt. Khaled, 51, leitet das Eröffnungskonzert des Sommer-Open-Air-Festivals Wassermusik mit dem verschmitzten Lächeln eines 15-Jährigen ein: „Bonsoir!“ Einen besseren Auftakt hätte es nicht geben können: Die Mischung aus Orient und Okzident, aus nordafrikanischer Tradition und modernen Pop-Elementen passt zum Haus, mehr noch aber zum begeisterten Publikum. Die Nummern aus dem Album „Sahra“ bieten herrliche Kontraste: Synthie-geladenen Raï, Funk-Grooves, Reggae-Akkorde, Tangoklänge und Salsa-Rhythmen, auch mal Balladeskes. Und dazwischen: eine zehnminütige Improvisation, die mit dem Gitarristen und einem vom Publikum aufgegriffenen „he-he“ in einer temporeich stampfenden Gruppendynamik kulminiert. Spätestens bei den Hits entlädt sich diese Dialektik vollends. Khaleds „Didi“ euphorisiert die Menge – und die Mitsingenden umgekehrt Khaled: Mit ausgebreiteten Armen federt er über die Bühne, schickt seinen Keyboarder ans Mikro, um selbst gefühlvoll über die Tasten zu streicheln. Den abschließenden Evergreen haben die Fans längst antizipiert, und nach bester Manier entsteht ein Duett wie zwischen zwei Liebenden: „Aa-icha, Aa-icha“ wogt es zur Bühne hin, „Ecoute moi!“ vollendet Khaled inbrünstig gen Himmel. Crowdsurfing und den politischen Diskurs, den mancher erwartet haben mag, gibt es nicht mehr. Aber warum auch? Eine Handvoll Jungs springt auf die Bühne, küsst Khaled auf die Stirn. Mit Algerienschal und tunesischer Flagge verabschiedet sich Khaled, bewegt, begeistert. Was für ein Abend – und für das Festival ein Einstand nach Maß. Martin Ernst

PUNKROCK

Hymnen und Helden:

Bad Religion im Huxley’s

Seit 31 Jahren gibt es Bad Religion jetzt schon, die Erfinder des melodischen Punkrock aus Los Angeles, Kalifornien. Zumindest die Gründungsmitglieder der Band gehen langsam auf die Fünfzig zu, zeigen aber beim Konzert im ausverkauften Huxley’s, dass sie immer noch die Alten sind. Auf der Bühne: Sänger Greg Graffin, der promovierte Evolutionsbiologe im Holzfällerhemd, Bassist Jay Bentley mit ewig fiesem Grinsen, Rhythmusgitarrist Greg Hetson mit blank polierter Glatze, dazu an der Leadgitarre MinorThreat-Mitgründer Brian Baker, seit 1996 dabei, und der Ex-Suicidal-Tendencies-Trommler Brooks Wackerman, der 2001 zu Bad Religion kam. Die Band mit dem ikonisch durchgestrichenen Kreuz im Logo ist mit ihrem neuen Album „The Dissent of Man“ in Berlin, das bereits im September 2010 erschienen ist – als ihr ungefähr fünfzehnter Longplayer. Stilistisch hat sich nicht viel verändert, nur dass die Herren ihr Handwerk mit den Jahren perfektioniert haben. Ihre schnellen, melodischen Viervierteltakthymnen mit vielstimmigem Hintergrundgesang, den berühmten „Oozing Aahs“, begleiten das Publikum offensichtlich teils seit Jahrzehnten. Doch auch bei den Nachgeborenen ist die Begeisterung sichtbar: Beim zweiten Lied fliegt der erste Bierbecher, beim dritten Lied geht das Crowdsurfing los. Der wilde Ritt geht quer durch die Bandgeschichte, fast von jedem ihrer Alben knallt die Band einen neuen oder alten Punkrockhit nach dem anderen hin, vom „21st Century Digital Boy“ über „American Jesus“ bis zum Gänsehautstück „Generator“. Ein Zugabenblock, nach anderthalb Stunden ist Schluss, wie immer bei Bad Religion. Die Melodien aber, die bleiben. Jan Oberländer

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