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Tomasz Kurianowicz

KLASSIK

Gewitzt: Eine Sommermatinee

im Musikinstrumentenmuseum

Plötzlich hüpft eine Klarinettistin hervor: Nur mit einem Negligé bekleidet, saust die Ungarin Boglárke Pecze von Ecke zu Ecke, schaut kurz ins Publikum, läuft wieder davon und versteckt sich hinter einer Wand des Konzertsaals, um dort unbekümmert in ihr Instrument zu blasen. Das ist kein Scherz – sondern ein ausgereiftes Stück neuer Musikgeschichte, das sich der englische Komponist Thomas Adès ausgedacht hat.

„Catch“ heißt dieses infantile Katz- und-Maus-Spiel, das bei der Sommermatinee im Musikinstrumentenmuseum von vier jungen Musikerinnen ausgetragen wird, die sich zum Quartett zusammengetan haben. Die Cellistin Yen-Ting Liu nimmt die kieksenden Töne wie Spielbälle auf, schlägt mal wild auf ihr Cello ein, zupft mal kokett auf dem zweiten, am Boden liegenden Instrument, um dann wieder zusammen mit der Geigerin Shin-Hye Park in ein trügerisches Pianissimo zu verfallen.

Die Spielanleitung geht auf: Man fühlt sich mitgerissen von diesem atonalen Kinderreigen, was vor allem an der humoristischen Performance der vier Musikerinnen liegt. Beim Stück „Lagrein“ muss sich auch die Pianistin Sun-Young Nam vom Hocker erheben und mit den Fingern die Saiten des Flügels anschlagen, um die kakophone Geräuschkulisse mit kratzigen Tönen auszufüllen. So entstehen völlig unbekannte synästhetische Assoziationen. Das muss so sein, denn in dem 2008 entstandenen Stück des Österreichers Johannes Maria Staud – komponiert im Auftrag eines Winzerunternehmens – soll das Geschmackserlebnis eines kräftigen Rotweins imitiert werden; die Frucht der Südtiroler Rebsorte Lagrein. Das Publikum ist begeistert – und auch ohne Rotwein völlig berauscht. Tomasz Kurianowicz

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