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KUNST

Das Mikado der Maler: Ei Arakawa und Freunde in der daad-Galerie

Sie ist aus dem Tohuwabohu entstanden – diese ordentlich im rechten Winkel ausgelegte Ausstellung in der daad-Galerie (Zimmerstr. 90/91, bis 6. August; Mo. bis Sa. 11– 18 Uhr). Der japanische Performancekünstler Ei Arakawa, vor zwei Jahren Gast des Berliner Künstlerprogramms, hat sich für seine Aktion „Abstract-Mad-Stir-Delirium-Copper-Bottomed-Work-Stick-Shop“ Verstärkung geholt. Yuki Kimura und Jutta Köther helfen bei der Entstehung, Jutta Köther hat vierzehn Studenten der Hamburg Kunsthochschule als Heinzelmännchen mitgebracht. Mit bemalten Kupferrohren erkunden die jungen Künstler den Raum, lassen die Stangen wie beim Mikado durcheinander fallen, spielen mit ihren Körpern, Objekten, Leinwänden und Photoprints. Die Ausstellung erwächst aus dieser Performance am Eröffnungsabend. Doch die Studierenden sind sichtlich überfordert. Unsicherheit und Ratlosigkeit machen sich auf den Mienen breit. Der Aktion fehlen Konzentration und Choreografie.

Erst als die in New York lebende Performerin, Malerin, Theoretikerin Jutta Köther, die seit dem Wintersemester in Hamburg lehrt, lenkend einschreitet, verdichtet sich das Geschehen. Körper und Kupferstangen verknäulen sich. Die eigentliche Kraft der Performance, die sich aufbaut, indem die Künstler Grenzen überschreiten, erreichen die Aufführenden trotzdem nicht. Nun liegen die Utensilien der Improvisation als spannungsloses Arrangement in den Galerieräumen – hermetisch wie die Aktion selbst. Von Delirium keine Spur, auch wenn der Titel es verspricht. Simone Reber

THEATER

Emergency Room Intrigantenstadl: Molière im Hexenkessel Hoftheater

Der Patient befindet sich im Schwitzkasten des Arztes: Der neongrelle Prolog zeigt ihn auf einem imaginären Opferaltar der Götter in Weiß, die mit Baumfällersägen hantieren und Schlachterschürzen tragen. EKG und lebendiger Herzschlag pulsieren um die Wette. Wohl dem, der nicht krank ist. Was aber passiert eigentlich mit dem, der krank sein will?

Mit Molières „Der eingebildete Kranke“ versucht das Hexenkessel Hoftheater eine Antwort und komplettiert sein Sommerprogramm 2011. Regisseur Jan Zimmermann bringt die Charakterkomödie um Hypochonder Argan in einer straffen Fassung und als knallbunt-karnevaleske Revue auf die Holzbretter des Amphitheaters im Monbijoupark. Neben dem Krankheits- wird vor allem der Versorgungswahn akzentuiert. Argan hängt an einem grotesk überdimensionierten Infusionsschlauch wie an einer Kette und wird mit tennisballgroßen Pillen versorgt, während Ehefrau Béline ihre erbschleicherische Intrige in Gang setzt. Stürbe der wehleidige, aber im Grunde kerngesunde Gatte tatsächlich einmal, könnte sie die größte Nutznießerin sein.

Zwar lässt das rasante Tempo den bissigen Dialogen nur wenig Raum, aber dafür liefert die überspitzte Figurenzeichnung hinreißend schrille Charakterkarikaturen. Die Medizin, so der gesundheitspolitische Kommentar der Inszenierung, ist eine unerbittliche und teure Lebenserhaltungsmaschinerie. Ihre Vertreter agieren ebenso mechanisch wie komisch (noch bis zum 3.9., Di.–Sa., 21.30 Uhr). Martin Ernst

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