KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

Hannah Ellermann

KUNST

Farbfolgen: Siegward Sprotte

in Potsdam-Bornstedt

Abstrakte Bilder, die an Wellen und Küstenlandschaften erinnern, stehen Blumenaquarellen gegenüber – der Maler und Dichter Siegward Sprotte (1913-2004) liebte beides: die abstrakte und die gegenständliche Kunst. 1992 gründete er in seinem Geburtsort Potsdam die Siegward Sprotte Stiftung, die bis heute sein Lebenswerk pflegt. Im Haus der Stiftung, dem einstigen Atelier Sprottes, hat der Künstlersohn Armin eine neue Galerie seiner Kunsthandlung Falkenstern Fine Art eröffnet. Die Ausstellung „Farbfolgen schaffen Landschaft“ zeigt 35 Arbeiten von Siegward Sprotte aus den Jahren 1958 bis 2004.

Ein Besuch lohnt auch wegen der besonderen Adresse: Das in den 1990er Jahren erbaute, versteckt liegende Holzhaus duftet noch immer, als kämen seine Balken gerade aus dem Sägewerk (Katharinenholzstr. 8, Krongut Bornstedt, bis 30.9.; Sa/So 12-16 Uhr). Die großen Fenster lenken den Blick in den Garten mit Apfelbäumen und Skulpturen von Volkmar Haase. Wie die zarten Blumenbilder und die Küsten und Strände Sprottes fügen sich auch die an Wellen erinnernden Edelstahlskulpturen in den weitläufigen, naturbelassenen Garten. Bänke laden zum Verweilen ein, dezent angebrachte Tafeln informieren über Sprotte und den Bildhauer Haase. Sprotte, der in Bornstedt aufwuchs, hat den Großteil seines Lebens auf Sylt verbracht, was die wiederkehrende Motive von Meer und Küste verraten, er ist dennoch regelmäßig in seinen Heimatort zurückgekehrt, um zu malen. Wer sein Atelier und den Garten in Bornstedt besucht, versteht warum. Hannah Ellermann

WELTMUSIK

Wassermusik: Tinariwen

im Haus der Kulturen der Welt

Zwei Wochen nach Group Doueh tritt beim Wassermusik-Festival im Haus der Kulturen der Welt wieder eine Band auf, die das Publikum mit flirrendem Wüstenblues in das Herz der Sahara entführt: Tinariwen aus Mali, fünf Männer und eine Frau, Gesichter und Körper in traditionelle Gewänder gehüllt, schon anzuhören und anzusehen. Dabei sind sie weniger Folkloretruppe als das gelungene Beispiel einer genuinen Popmusik, die so gar nicht zum üblichen Weltmusik-Klischee passt. Seit 1982 besteht das Bündnis ehemaliger Tuareg-Rebellen, die vor 15 Jahren endgültig ihre Kalaschnikows gegen Stromgitarren tauschten, um als Vollzeitmusiker für das Recht auf eine nomadische Lebensweise zu streiten. Der Freiheitskampf ist keine Pose, sondern gelebte Realität, verkörpert vor allem durch den schwarz gelockten Anführer Ibrahim Ag Alhabib, der im ausverkauften Saal begeistert empfangen wird. Mit 19 Schusswunden kann er zehn mehr als der Gangsta-Rapper 50 Cent vorweisen. Dabei klingt die Musik überhaupt nicht kriegerisch, im Gegenteil: Sehnsuchtsvoll, mit besonderem Gespür für Klangteppiche als kunstvolles Gewirr kleinster Veränderungen, reflektieren die durch Auftritte mit Robert Plant, Santana und den Rolling Stones bekannt gewordenen Nomadenrocker ihre Wurzeln, erzählen vom b das beschwerliche Leben in der Wüste und preisen gleichzeitig deren majestätische Schönheit. Zum durchdringenden Klang der Djembetrommel fügen sich feine Bluesriffs und dunkel rollende Basslinien in hypnotische Grooves und tranceartige Call-And-Response-Gesänge. Eine Musik, die problemlos mit dem hiesigen Großstadtpublikum korrespondiert und nicht nur an den afrikanischen Bluesmeister Ali Farka Toure erinnert, sondern auch an die entspannten Ausflüge von The Greatful Dead. Bis nach 90 betörenden Minuten die letzten Töne aufwärts wirbeln und davontreiben wie die Sterne am Wüstenhimmel, unter dem Tinariwen sonst ihre Verstärker aufbauen. Sowas können nur Leute, die von ihrer Herkunft wissen. Volker Lüke

JAZZ

Schweizgenössisch: Daniel Schnyder im Radialsystem

Daniel Schnyder hätte das Zeug zum Integrationsbeauftragten: Was auch immer dem in der Schweiz geborenen Wahl-New Yorker in den Weg kommt – der Saxofonist und Komponist lässt es Teil seiner musikalischen Sprache werden. Bei der Eröffnung des Schweizgenössisch-Festivals im Radialsystem, die Schnyder zusammen mit seinem New York City Trio bestreitet, sind die zu Integrierenden etwa eine Reihe blechblasender Freunde aus klassischen Orchestern, eine Tango singende Alphornbläserin, Jazz und Blues, Schubert und Gershwin.

Und doch ist dieses Konzert zur Feier von Schnyders 50. Geburtstag nur der Auftakt zu einem noch intensiveren Erlebnis am späteren Abend: Murnaus Faust-Verfilmung von 1926, live begleitet vom mafiös am Flügel sitzenden Kenny Drew Jr. und dem ständig in Bewegung befindlichen Bassposaunisten Dave Taylor. Die Spannung zwischen Schnyders Sopransaxofon und Taylors Posaune, deren Aussdrucksspektrum von teuflischen Fürzen bis hin zum Choral reicht, macht die Kombo zur Idealbesetzung für den schaurigen Klassiker. Zitate aus Schuberts „Tod und das Mädchen“ oder der „Winterreise“ sind in den Soundtrack verwoben und schaffen neue Bezüge zwischen den Figuren wie auch zu den Quellen, aus denen sich Murnaus Ästhetik speist. Obwohl das Trio mit der tranceartigen Versenkung jammender Jazzer spielt, ist das Timing mit dem bewegten Bild so präzise, als sei der Film der vierte Mann. Carsten Niemann

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