KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

von

WELTMUSIK

Wassermusik, die letzte:

Amadou & Mariam

Man kann Damon Albarn für einen arroganten Schnösel halten. Eines aber wird man dem durch seine Arbeit mit Blur und den Gorillaz berühmten Briten nicht absprechen: sein Gespür für das Gute, Schöne und Erfolgreiche in exotischen Bereichen der Popmusik. So war es nur eine Frage der Zeit, bis er bei seinen Feldforschungen in Westafrika auf Amadou & Mariam stieß. Die Begegnung, die auf dem grandiosen Album „Welcome to Mali“ dokumentiert ist, fand auf Augenhöhe statt, denn Entwicklungshilfe hat das aus dem Sahara-Staat Mali stammende Ehepaar keineswegs nötig: In Afrika sind die beiden blinden Künstler Stars und spielen in den größten Arenen, in Europa gehören sie zu den profiliertesten Akteuren der Weltmusikszene.

    Die Kenner dieser Musik treffen sich am letzten Abend des Wassermusik-Festivals im ausverkauften Haus der Kulturen der Welt – und erleben ein Konzert, von dem man noch lange schwärmen wird. Zum Beispiel von der Band, die den Hauptakteuren respektvoll zuarbeitet und einen fantastischen Job macht: Ein Schlagzeuger, der – als einziger Weißer – aussieht wie von einer Mittelalter-Band abgeworben. Ein rastalockiger Percussionist, der mit einer zwischen die Beine geklemmten Bongotrommel herumspringt und vogelwilde Soli spielt. Ein wuseliger Bassist, ein dezenter Organist, ein gewiefter Computer-DJ. Und zwei Sängerinnen in wallenden Discokleidern, die zwei Stunden durchtanzen und dabei nie das strahlende Lächeln verlieren.

   Ein Afropop-Wirbelsturm der guten Laune ist das, und im Zentrum steht das blinde Paar: Mariam Doumbia, die mit ihrer kecken Kurzhaarfrisur aussieht wie Aretha Franklin in den frühen Siebzigern. Im Vergleich zu ihrem Gatten wirkt sie ernster, konzentrierter, wenn sie mit kehliger, manchmal kindlich emporschnellender Stimme die in Französisch oder im westafrikanischen Bambara verfassten Songtexte singt. Auch Amadou Bagayoko singt, und das sogar sehr schön. Aber seine Wunderwaffe ist die Gitarre. Wie er sich, manchmal minutenlang, in quecksilbrig fließende, um winzige Nuancen sich verschiebende, einander überlagernde Läufe hineinsteigert, ist schier unglaublich. Und hat nichts mit der solistischen Eitelkeit westlicher Rockgitarristen zu tun. Immer bleibt das kollektive Miteinander, bleibt der Song im Fokus. Bei der letzten, stürmisch erjubelten Zugabe streicht Mariam ihrem Helden immer wieder über den Kopf: „I love you, this man, je t'aime, mon amour“ wiederholt sie wie ein Mantra. Es ist kitschig, es ist unfassbar rührend. Es muss Liebe sein. Jörg Wunder

KLASSIK

Young Euro Classic, die zweite:

Metamorphosen im Konzerthaus

Auf der Konzerthausbühne wimmelt es nur so von „Verdächtigen“. Die Zahl der Zeugen im Zuschauerraum übersteigt sie aber noch bei weitem. Als Abendpate bei Young Euro Classic hat Dietmar Bär alias Tatort-Kommissar Freddy Schenk zum Auftritt des Schleswig Holstein Festival Orchesters „vorgeladen“. Nach der sanft vorgetragenen Festival-Hymne des designierten Konzerthausorchesterchefs Iván Fischer erklingen die „Metamorphosen“ von Richard Strauss als tiefschwarzer Abgesang auf im Kriege untergegangene Kultur. Dirigent Peter Ruzicka nimmt sie so zart, dass die 23 exquisiten Solostreicher im großen Saal verhallen und sich kaum berührender Ausdruck einstellt. Als Komponist zeigt sich der vielseitige Ruzicka mit der erst tags zuvor uraufgeführten „Aulodie“ für Oboe und Kammerorchester, Anlass für weitschwingende Kantilenen und brillante Kaskaden des Solisten Albrecht Mayer. Seinen bukolischen Farbenreichtum kontrastiert das Orchester: grell wetterleuchten lang gehaltene Flageoletts, düster grummelt es in den Pauken. Erst bei Beethovens 4. Sinfonie kann das Orchester seine Klasse zeigen: Die jedes Jahr neu aus aller Welt zusammenkommenden Jugendlichen machen daraus einen Rausch aus Tempo, Witz und Intelligenz. Isabel Herzfeld

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben