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TANZ IM AUGUST

Fleischbeschau: N'Soleh

mit „La Rue Princesse“ im Podewil

Das hat man doch schon mal in einem Videoclip gesehen: Die schwarzen Girls reißen sich die Fetzen vom Leib, bis auf die pinkfarbene Unterwäsche. Die Boys lassen immerhin die Hosen an. Dann drängt sich Becken an Becken zu einem stoßenden Sextett, einem flotten Schieber. So eine direkte Anmache wie in „La Rue Princesse“ im Podewil (noch einmal heute, 20 Uhr) hat man beim „Tanz im August“ noch nicht erlebt. Tanz aus Afrika sei diesmal ein Schwerpunkt, betonen die Festivalmacher nicht ohne Stolz. N'Soleh aus Abidjan (Elfenbeinküste) ist noch nie in Europa aufgetreten. Doch was als Entdeckung angekündigt ist, enthüllt sich als Entgleisung.

Die Rue Princesse ist eine berühmte Vergnügungsmeile in Abidjan. Also wird das Podewil in eine schummrige Bar verwandelt mit DJ-Pult, Neongeblinke und kleinen Tischen, an denen weißes Publikum sitzt. Ein recht obskures Etablissement. Die Frauen tragen ihre Haut zu Markte, sie dürfen nicht viel mehr tun als aufreizend mit dem Po zu wackeln. Die Männer geben den Macker. Vom HipHop bis zum Tango werden hier die Tanzstile kopiert und mit afrikanischen Bewegungen kontrastiert. In den selbst gedrehten Videos, die das nächtliche Treiben einfangen, halten die Typen gern mal ihre Uhren in die Kamera. Dieses Protzen und Posieren auf dem Boulevard der Selbstdarsteller bildet das Stück ab – ohne jeden Bruch. Kaum je erahnt man, dass es auch um Selbstbehauptung geht. Wie hier den Bildern einer kommerziellen Glitzerwelt hinterhergejagt wird, ist komisch und traurig zugleich. Sandra Luzina

YOUNG EURO CLASSIC

Bühnenreif: das NJO Orchestra of the 19th Century aus Holland

Der Hauptdarsteller ist kein Mensch, sondern ein riesiger Vogelkäfig. Bühnenbildnerin Dieuweke van Reij hat ihn für Gioacchino Rossinis Einakter „Il signor Bruschino“ ins Konzerthaus wuchten lassen. Sofia (mit dunkel timbriertem, koloraturgestähltem Sopran: Alexandra Schoeny) ist im goldenen Käfig gefangen. Denn sie darf nicht heiraten, wen sie liebt: Florville (Peter Davoren).

Noch nie war eine Oper bei Young Euro Classic zu sehen. Richard Egarr am Pult des niederländischen NJO Orchestra of the 19th Century dirigiert mit beiden Fäusten – das Ergebnis ist aber kein geschmetterter, sondern ein kraftvoll-sportlicher, energischer Rossini-Klang. Nur zu Beginn, in der berühmten Ouvertüre, können für Egarr die Crescendi, Rossinis Markenzeichen, gar nicht schnell genug kommen, wodurch er sich einiges an Wirkung nimmt. Regisseur Floris Visser rückt das turbulente Stück in einige Distanz, indem er es teilweise grotesk überzeichnet: Die Figuren führen abstrakte höfische Bewegungen aus, Sofias Vormund Gaudenzio (Florian Bonneau) trägt pinkfarbenes Rokoko, Sofia selbst ist in goldene Kleider gehüllt, die sie nach und nach abnimmt: Zeugnis des Emanzipationsprozesses einer Frau? Dass Visser den Kern des Stücks nicht verfehlt, verdankt er vor allem seinem Darsteller Tim Kuypers. Der ist ein berührender Vater, ein markanter, schwarzgefärbter Bass, dem ein Fremder als sein Sohn vorgeführt wird und der daran langsam irre wird. Jetzt ist er derjenige, der im goldenen Käfig sitzt, verheddert in den Fallstricken einer Intrige. Das vielleicht größte Verdienst der Aufführung ist die Wahl des Werkes selbst. Denn wie oft hört man Rossinis Ouvertüren – und wie selten die dazu gehörenden Stücke! Udo Badelt

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