KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

Daniel Wixforth

KLASSIK

Altmeisterlich: Junge Russen

bei Young Euro Classic

Für jemanden, der mit 12 den David Oistrach Wettbewerb gewonnen und ein Jahr später als Solist in der Carnegie Hall debütiert hat, wirkt Dimitry Smirnov fast schüchtern. Jedenfalls solange er nicht spielt. Musikalisch ist der Geiger gewissermaßen die Personifizierung aller Attribute, die dieser russische Young-Euro- Classic-Abend mit sich bringt: jung, überdurchschnittlich talentiert und in seiner leidenschaftlichen Schwermut irgendwie ein bisschen zu artifiziell. Magisch wirkt der Solo-Beginn von Prokofjews zweitem Violinkonzert. Smirnov besitzt die Gabe, die Weisheit und die Lebenserfahrung eines 70-Jährigen in eine Phrase zu legen. Nur ist der Junge auf der Bühne des Konzerthauses erst 17 – das Reflexive, es ist antrainiert. Smirnovs bewundernswert ausgeprägte Sensibilität für Prokofjews Themen wird dadurch aber nur wenig geschmälert. Dosiert und bewusst setzt er im Andante sein wunderbar schweres Vibrato ein, um sich im Finale davon überdeutlich, durch robusten Klang und kantige Akzentuierung wieder abzusetzen. Für die Junge Philharmonie Russland ist es schwer, sich dieser Gefühligkeit unterzuordnen und gleichzeitig Prokofjews so lebendigem Orchestersatz treu zu bleiben. Natürlich sind das Mäkeleien auf hohem Niveau, die für ein Jugendorchester nur erlaubt sind, weil die Russen dieses Niveau selbst einfordern. Unter Alexander Polishchuk am Pult hatten sie schon zu Beginn des Konzerts Anatoli Ljadows Acht russische Volkslieder für Orchester weinend und klagend, in maximaler Melancholie durchlebt. In Tschaikowskys fünfter Symphonie potenzieren sich diese schwermütig-getragenen Emotionswellen noch einmal. Daniel Wixforth

TANZ

Abgezirkelt: Hiroaki Umeda

beim Tanz im August

Hiroaki Umeda untersucht in seinen Performances, wie eine hochtechnisierte Umwelt auf den Körper wirkt. Bekannt wurde der Japaner durch seine Solos, in denen er schon mal sein eigenes Verschwinden thematisierte – und nur noch sein digitaler Doppelgänger übrig blieb. Derzeit arbeitet der Choreograf an einem Langzeitprojekt, mit dem Ziel, sein Bewegungsmaterial an andere Tänzer weiterzugeben. Für den Tanz im August hat er mit drei Ballerinen „3. isolation“ kreiert, kombiniert wird das Stück mit „2. repulsion“, einer Choreografie für drei Hip-Hop-Tänzer. Beim Breakdance wollen die Jungs zeigen, was sie drauf haben. Umeda aber arbeitet mit einem minimalistischen Vokabular, er konzentriert sich auf das Prinzip des Rückstoßes. Die Ballett-Dekonstruktion wirkt dagegen blutleer. Die Ballerinen im Hau 2 stellen sich im croisé auf, völlig ausdruckslos exekutieren sie ihre abgezirkelten Arm- und Beinbewegungen. Bis sich die Fauxpas einschleichen, eine Schulter sich verschiebt, ein Hüfte ausbricht. Immer wieder kippen sie nach vorn, fallen aus der strengen Form heraus. Was Umeda sichtbar macht, ist ein Drahtseilakt, ein permanenter Kampf um die Beherrschung des Körpers. Sandra Luzina

0 Kommentare

Neuester Kommentar