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KLASSIK

Spitze Finger: Koreanisches

bei Young Euro Classic

Auch das ist europäische Musikkultur: junge Koreaner, die an deutschen Hochschulen studieren, das Kosym Youth Orchestra gründen und für Young Euro Classic Isang Yuns 3. Konzert für Violine und Kammerorchester einstudieren. Der ExilKoreaner lebte bis zu seinem Tod 1995 in Berlin. Auch wenn der Funke nicht recht überspringen mag und die Solistin Mi-Kyung Lee mit ihrem innig-beseelten Geigenspiel auf dem Konzerthauspodium letztlich allein bleibt, so ist es doch verdienstvoll, dass das Ensemble sich Yuns fein gesponnenem, ausfaserndem Werk zu nähern versucht. Manchmal mit etwas zu spitzen Fingern – was Mi-Kyung Lees Engagement Lügen straft.

Begonnen hat der Abend mit dem Finale aus Geon-Yong Lees Ballettmusik „Prinzessin Bali“. Ein Flötensolo wächst sich in einem gewaltigen Crescendo zur Lawine aus: süffige Katastrophenfilmmusik, aber auch da halten die Musiker sich eher zurück. Die beiden von Julia Mihyun in Landestracht mit gebührendem Pathos vorgetragenen Volkslieder sind nach westlicher Manier arrangiert – ein Stilmix, wie ihn die jungen Koreaner offenbar mögen. Interessant auch, dass sie als Hauptwerk des Abends eine weitere Filmmusik wählten: Schostakowitschs Suite zum Film „Die Hornisse“ von 1955. Gebrauchsmusik à la italiana, mit Tarantella, Drehorgelwalzer und gefälliger Melodik. Schade, dass sich das Kosym-Orchester nicht traut, im Weltschmerz der lyrischen Sätze so richtig zu schwelgen. Dass der als Zugabe wiederholte martialische Finalsatz das beherzt die koreanische Wiedervereinigung beschwörende Eröffnungs-Statement von Patin Katja Ebstein konterkariert, ergibt dagegen einen tieferen Sinn. Stimmt schon, Wunder gibt es immer wieder und die Musik kann Grenzen überwinden. Aber sie lässt sich auch leicht für das Gegenteil vereinnahmen. Christiane Peitz

FOLK

Schnelle Füße:

The Avett Brothers im Astra

„There’s a darkness upon me that’s flooded in light“ singt Scott Avett am E-Piano. Seth Avett schrabbelt eine Akustikgitarre und gibt seine brüderliche Harmoniestimme dazu. Und schon steht alles unter Volldampf, ist die Bühne des Astra geflutet mit Licht, jeder dunkle Gedanke verdrängt vom adrenalisierten Folk der Avett Brothers aus North Carolina. Sie hüpfen rasant, immer volle Kraft voraus. Joe Kwon wirbelt und sägt auf dem Cello, dass die Bogenbespannung in Fetzen flattert. Bob Crawford knattert am Bass, Jacob Edwards rattert über die Drums. Synchron springen die Brüder in einen rasenden Bluegrass-Calypso. Scott trötet auf der Harmonika, kickt eine kleine Bassdrum neben sich und plickert vehement auf dem Five-String-Banjo. Seth und er wechseln sich ab beim Singen.

Die musikalischen Wurzeln der Brüder stecken tief in Folk, Bluegrass und Old Time Country, ihre Attitüde und ihre Energie kommen vom härteren Rock. Doch spürt man immer ihr Faible für berauschende Melodik. In „Paranoia in B- Flat“ mischt sich John Hartfords „Gentle On My Mind“-Melodie mit Beatles-Harmonie-Gesang. „Kick Drum Head“ punkt mit Stakkato-Geachtel und einem wüsten Lärm-Intermezzo von elektrischer Telecaster und Cello. Im Punk-Folk von „Tin Man“ klingt „Death Of A Clown“ von Dave Davies an, wie überhaupt die alten Kinks gelegentlich melodisch zitiert werden. Und wer hätte gedacht, dass noch einmal ein brodelnder Saal voller junger Leute zum John-Denver-Song „Thank God I’m A Country Boy“ fröhlich Pogo tanzen würde? Mögen die Avett Brothers auch im Konzert um einiges heftiger aufspielen, als man es von ihren wunderbaren Platten im Ohr hat, sind doch auch live die ruhigeren Nummern die wahren Höhepunkte. Etwa das nur im brüderlichen Duo vorgetragene „10 000 Words“ und „January Wedding“ oder der Titelsong vom jüngsten Album „I And Love And You“. Schön, wenn zwischen all dem Gewirbel kurz etwas Melancholie und mehr klangliche Finessen durchscheinen dürfen. Als letzte Zugabe dann noch mal wildes Gehacke mit zweistimmigem Express-Gerappe, und alle sind glücklich. H. P. Daniels

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