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KLASSIK

Hyperaktiv: Vladimir Ashkenzay und das European Youth Orchestra

Wo Vladimir Ashkenazy draufsteht, ist er auch drin. Das heißt, wenn der Dirigent mit dem European Union Youth Orchestra auftritt, dann weiß man ziemlich genau, was einen erwartet. Nämlich Überdruckmusik, knallige Fortissimi, Pathos ohne Ende. Es beginnt an diesem vorletzten Festivalabend von Young Euro Classic schon mit dem irisierenden von den Streichern im Flageolett gespielten hohen A, das Gustav Mahlers Eintritt in die symphonische Welt markiert: kein Aushalten, kein Schweben, möglichst schnell vorankommen zu den lauten Stellen.

74 Jahre ist Ashkenazy jetzt alt und doch kaum ruhiger, abgeklärter geworden. Hyperaktiv verrenkt er sich am Pult, zuckt und pumpt mit den Armen, woanders würde man so etwas Breakdance nennen. Das Ergebnis: Die expressiven Passagen kommen wie Explosionen, die Kontraste sind wenig glaubwürdig, die Balance wird zerschossen. So ist es in den ersten beiden Stücken dieses Young-Euro-Classic-Konzerts, Berlioz’ Ouvertüre zu „Béatrice et Bénédict“ und Milhauds quirligem Ballett „Le boeuf sur le toit“. Und so ist es in Mahlers 1. Symphonie, die auch noch den Untertitel „Titan“ trägt – eine Steilvorlage für Ashkenazy. Der zweite Satz, ein derber Ländler, gerät ihm plärrend und belanglos, im dritten allerdings zeigt er, dass er auch gespenstische Moll-Wendungen und weltvergessene Piani voller Spannung dirigieren kann, wenn er sich unter Kontrolle hat. Der vierte wird erwartungsgemäß zum Haudrauffinale. Dem jungen Orchester ist kein Vorwurf zu machen, es setzt die Signale seines musikalischen Leiters beseelt um – und verfehlt Mahler, seine Brüche, Zweifel und Ängste, dabei doch. „Mahler war ein schlechter Jasager“, schreibt Adorno. Für Ashkenazy ist er nur ein Titan. Udo Badelt

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