KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

von

VARIETÉ

Lenden und Legenden:

„Forever Young“ im Wintergarten

Jetzt also Rock. „Wir wollten schon immer mal einfach schöne Musik machen“, vertraut Wintergarten-Chef Georg Strecker dem Publikum an, als alles vorbei ist. Bob Dylan gibt den Ton vor: „Forever Young“ heißt die neue Show, und „einfach schöne Musik“ bedeutet, dass jetzt völlig auf den im Varieté ja ohnehin eher dünnen roten Faden, auf Moderation und erzählbare Geschichte verzichtet wird. Es ist aber auch keine Zeit, sich lange darüber Gedanken zu machen, denn Legende folgt auf Legende: nach dem Hendrix-Solo der Kampf zwischen Beatles und Stones und ein deutsch-deutsches Medley aus Klaus Lage, Rio Reiser, Puhdys und Karat. Das alles ist mit Herzblut gecovert von der sechsköpfigen Weitersagen-Band. Die Urban Dancers von Fanatix hiphoppen zu Pink Floyd und reißen dabei „The Wall“ ein, und da wir im Wintergarten sind, gibt es natürlich die üblichen Varieté-Ingredienzen, also Humor und Slapstick – dafür sorgen die Novruzov Brothers – und viele Artisten. Die müssen sein, sonst wär’s kein Varieté, auch wenn’s nicht sofort sinnfällig wird.

Phil Os lässt seine Diabolos zu „I love Rock’n’Roll“ furios auf der Schnur tanzen, Fernando und Serafina jonglieren ihre Bälle mit „Teen Spirit“. Manchmal gibt es sogar richtige inhaltliche Bezüge zwischen Act und Song, Elisabeth Williams erklimmt an weißen Tüchern und schwarzen Ketten den „Stairway to Heaven“, Frank Wolf malträtiert sein Fahrrad zu Queens „Bicycle Race“. So richtig zum Kochen bringt aber erst Andreas Graumnitz den Saal als täuschend echter Marius Müller-Westernhagen. Großer Jubel. Vielleicht ist es die Sehnsucht nach einem richtigen Star (Mi–Sa 20, So 18 Uhr). Udo Badelt

KLASSIK

Alle Macht geht vom Orchester aus:

Sol Gabetta im Konzerthaus

Sie werden Freude miteinander haben: Das Konzerthausorchester, sein zukünftiger erster Gastdirigent Dmitrij Kitajenko und die Cellistin Sol Gabetta, die in dieser Spielzeit „Artist in Residence“ des Hauses ist. Die Frage, welchen Akzent er dem lateinamerikanisch geprägten Programm verleihen werde, beantwortetet der Russe Kitajenko mit einem überraschend deutschen Einschlag: Er stellt Präzision und Durchhörbarkeit über das reine Entfesseln von Rhythmen. Dem langsamen Mittelteil von Gershwins „Cuban Ouverture“ bekommt das ebenso wie der achtsam gespielten Schlussfuge von Villa-Lobos „Bachianas Brasilieras Nr. 7“. Dass dabei dennoch große Energieströme frei werden, ist der Lautstärkendramaturgie zu verdanken, die vom Pianissimo bis zum innerlich befreiten Ganzkörper-Fortissimo reicht.

In zartester Höhe verschmilzt der Streicherklang dann auch mit dem Ton von Sol Gabetta, die mit ihrem sinnlichen Spiel wie eine Femme fatale in den Orchesterpart von Saint-Saëns’ erstem Cellokonzert einbricht. Stark zeigt man sich in den abgrundtiefen Schlusstönen von Gabriel Faurés Élégie op. 24. Im Abschlussstück, Ginasteras Malambo, verzichtet Altmeister Kitajenko darauf, sich nach Art schlechter Dirigenten und Politiker an die Spitze der Bewegung zu stellen: Stattdessen demonstriert er mit sparsamen Gesten, dass hier alle Energie vom Orchester kommt. Carsten Niemann

HIPHOP

Halb Alligator, halb Mensch:

Kool Keith im Festsaal Kreuzberg

Schräge Vögel gibt es im HipHop jede Menge. Doch keiner ist so durchgeknallt wie Kool Keith. Seit über 25 Jahren bastelt der 1963 als Keith Thornton in der Bronx geborene Musiker an einem HipHop-Universum, das von Sun Ra (großer Afrofuturist) bis Blowfly (zotiger Sex- Rap-Pionier) eine Kontinuität bizarrer Spiritualität und freizügigen Spinnertums behauptet. Fasziniert von Breakdance, Marvel Comics und Pornomagazinen, startete Thornton seine Reimkarriere als Mitglied der Ultramagnetic MC’s. Anschließend verschlug es ihn nach Los Angeles, wo er unter Verwendung unzähliger Pseudonyme Alben veröffentlichte, von denen „Dr. Octagon“ (1995) wegweisend war.

Beim Auftritt im Festsaal Kreuzberg präsentiert sich Kool Keith als gut gelaunter Unterhalter, den eine unbekannte Kraft zwingt, mit bescheuertem Glitzerschal vor die Leute zu treten. Unterstützt von Kutmasta Kurt, der ultracoole Beats von den Plattentellern dropt, feuert er erst mal ein paar UMC’s-Klassiker ab, um anschließend wie ein Stand-up-Comedian durch seine Alter Egos zu purzeln: Als Dr. Octagon bringt er mit „Blue Flowers“ den Saal zum Beben, wird zu Dr. Dooom, Black Elvis, Poppa Large und Halfsharkalligatorhalfman. Die meisten Stücke werden nur angerissen, Höhepunkte sind die Pornoraps „G-Spot“ und „Sex Style“, ehe der Fruchtbarkeitsriten-Gig nach 50 Minuten mit einer irren Freestyle-Session endet. Dabei wird deutlich, was für ein begnadeter Rapper der coole Keith ist.Natürlich ist Kool Keith genauso versaut wie Snoop Dogg, und doch ist dies kein frauenfeindlicher Gangster-Rap, sondern: Hot & Dirty, Fresh & Funky.Volker Lüke

0 Kommentare

Neuester Kommentar