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KLASSIK

Licht: Vorabpremiere Musikfest –

Paul van Nevel mit Rihms „Et Lux“

Eine lange Stille fordert Paul Van Nevel ein, bevor er Wolfgang Rihms Komposition „ET LUX“ und damit das Musikfest Berlin in der Gethsemanekirche in Prenzlauer Berg beginnen lässt. Das ist gut, denn um dem Dualismus zwischen Linie und Punkt, Körper und Atem nachzuspüren, den das Festival als roten Faden durch das Programm laufen lässt, bedarf es einer Aufmerksamkeit. Wobei es bei der Aufführung der im Jahr 2009 entstandenen Komposition für Vokalensemble und Streichquartett auch noch um weitere Gegensätze geht: nämlich denen zwischen zeitgenössischer und alter Musik, zwischen Dekonstruktion und Meditation. In seinem Nachdenken über Fragmente aus der Requiem-Liturgie findet Wolfgang Rihm eine durchaus interessante Balance zwischen moderner Klanglichkeit und Modellen der Renaissance-Polyphonie: Harmonien, die aus der Welt eines Gesualdo zu stammen scheinen, lösen sich da überraschend logisch in Dissonanzen auf und dank des ungeheuer rein und präzise intonierenden Huelgas Ensembles sowie des kongenialen Minguet Quartetts verbinden und trennen sich die Klanglichkeiten von Streichquartett und Vokalstimmen auf organische Weise.

Trotzdem kann all dies nicht dauerhaft fesseln, weil sich der Komponist um eine klare Haltung zum Text drückt. Anders als ein Arvo Pärt, der mit weniger Noten oft viel mehr und dann auch viel länger etwas zu sagen hat, riskiert es Wolfgang Rihm niemals, kitschig zu werden. Er schreckt jedoch auch vor einen klaren Distanzierung von den Worten zurück. Interessanten Paradoxa wie dem leuchtenden Cluster auf das Wort „Lux“ und dem enttäuscht zerschmelzenden Wort „Requiem“ stehen sehr bemühte, sehr akademische Steigerungen bei der Schilderung des jüngsten Gerichts entgegen und lassen das Requiem doch etwas unglücklich zwischen Tod und Leben entschweben. Carsten Niemann

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Schatten: Der Chor der ukrainischen Nationaloper im Berliner Dom

Den Sinn für Dialektik kann man dieser szenischen Aufführung nicht absprechen. Man nehme Verdis explizit nicht für den liturgischen Gebrauch geschaffenes Requiem, führe es in einer Kirche auf und betone das Weltliche dieses Werkes, seine von kirchlichen Dogmen befreite Humanreligion durch eine streng-christliche Szenerie und theatralisches Drumherum. Mit Kreuzen, Kerzen und schwarzen Mönchsgewändern zieht der Chor der ukrainischen Nationaloper aus Kharkov in den Berliner Dom ein – dazu himmelweiche Streicherklänge vom Orchester der Nationaloper (heute sowie vom 6.-11.9., jeweils 20 Uhr 30). Das Problem der Aufführung kündigt sich hier schon an. Überdeutlich wird es, wenn im Dies Irae Lichtblitze im Takt den Dom erhellen, während sich ein junges, attraktives Paar aus dem Chor absondert, verängstigt gen Himmel (resp. Kuppel) blickt und er seine Arme schließlich schützend um sie legt. Nicht nur, dass diese mit dem Zaunpfahl winkende Symbolik der Musik nicht allzu viel zuzutrauen scheint – sie nimmt sich selber viel zu ernst.

Das ist problematisch, weil sich die dramaturgische Konzeption in Wahrheit zwischen Dan Brown und Marienhof bewegt – obwohl man zumindest den Chor musikalisch nicht verstecken muss. Beachtlich ist seine Fähigkeit etwa im Sanctus, sakral-monolithische Gesamtklänge zu erzeugen. Das Orchester, von Roland Bader souverän, aber ohne klare interpretatorische Richtung geführt, wirkt dagegen oft unlebendig. Zudem leidet es unter dem ewigen Nachhall im Berliner Dom weit mehr als der Chor. Herausragend ist an diesem Premierenabend einzig der Bass von Mikhail Kazakov: kräftig, malerisch, ohne Abgleiten ins Überschwängliche. Auch Irina Dolzhenkos matt schimmernder Mezzo kann sich zeitweise auf diesem Niveau bewegen, während Irina Zakyans Sopran und Alexandr Zacharovs Tenor zu oft im klanglichen und szenischen Gemenge untergehen. Daniel Wixforth

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