KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

Jochen Overbeck

POP

Angemessene Wärme:

Kante im Festsaal Kreuzberg

Am Ende stört es gar nicht, dass im Festsaal Kreuzberg, einem der stickigsten Konzerträume Berlins, die Luft zum Schneiden ist. Kante haben immerhin mit „Die Hitze dauert an“ und „Ein warmer Abend“ zwei passgenaue Stücke im Programm. Viele der weiteren Songs, vor allem jene von den Alben „Zombi“ und „Die Tiere sind unruhig“, wirken, als lauere eine Gefahr in der Stadt. Eine, die man nicht festmachen, aber spüren kann, durch einen plötzlichen Temperaturanstieg, durch plötzliche Windstille.

Kante haben lange kein Konzert mehr in Berlin gegeben. Zumindest kein herkömmliches, man sah sie zuletzt vorrangig in der Schaubühne, wo sie in Friederike Hellers Inszenierungen von „Antigone“ und „Der gute Mensch von Sezuan“ musikalische Kleider strickten. Das eigentliche Konzert ist eine Reise durch das bis Mitte der 90er zurückreichende Werk der Band. Singles wie „Die Summe der einzelnen Teile“ treffen auf eindringliche Schleicher wie „Ein schwaches Gift“ und die Stücke aus der Friedrichstadt-Palast-Auftragsarbeit „Kante Plays Rhythmus Berlin“. Die Band wirkt immens aufeinander eingestimmt, Frontmann Peter Thiessen, der mit Strohhut und Bart eher nach Florenz als nach seiner Heimatstadt Hamburg aussieht, führt wortreich durchs Programm, erzählt vom Sex und von der Hitze. Die muss im Licht der Scheinwerfer noch größer sein als im Publikum. Kante halten durch, gute zwei Stunden. Vielleicht die letzten warmen dieses Sommers. Jochen Overbeck

KLASSIK

Effektvolle Klanghülle:

Hans Zender beim Musikfest Berlin

Im Anfang war das Wort. Und so ist Hans Zenders Bestreben, „neue Mischformen von Musik und Sprache zu entwerfen“, als existenzielles Anliegen zu verstehen. Der mehr als einstündige Zyklus „Logos-Fragmente“, uraufgeführt beim Musikfest Berlin, bündelt alles, was den 75-jährigen Komponisten ausmacht: den Orchesterapparat, exzessive, abstrakt-strukturell eingesetzte wie bedeutungstragende Gesanglichkeit, eine auf Mikrotönen basierende „gegenstrebige Harmonik“. Klänge von überwältigender Wucht und zartem Reiz entstehen, wenn zu Beginn, nach dem Klatschen der Bagh-Peitsche, hauchfeine Streichergespinste auf mächtige Hornklänge folgen. Größtmögliche Wirkung entfacht das SWR Sinfonieorchester, indem es sich in symmetrischer Gruppierung die Elemente zuwirft wie in den Wechselchören der Renaissance. Das gilt noch mehr für das fabelhaft singende, sprechende, zerhackt flüsternde SWR Vokalensemble Stuttgart. Doch dem vertonten Wort bleibt die effektvolle Klanghülle äußerlich: Statt frühchristlicher Texte des Gnostikers Valentinos, aus dem Johannes-Evangelium oder der hebräischen Spruchsammlung „Piroe Abot“ könnten ebenso gut neuere philosophische Texte oder Zeitungsausschnitte erklingen. Nur das Fragment VIII („Maria Magdalena“) macht sich als berückend schön gesungenes Liebesduett kenntlich. Respektvoller Beifall würdigt eine riesige Leistung. Isabel Herzfeld

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