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KLASSIK

Märchenhaft: Im Radialsystem

trifft Vivaldi auf Toshio Hosokawa

Hatte je ein Fagottist so saubere Hände? Immer wieder zieht Christian Beuse von der Akademie für Alte Musik die Finger durch ein Wasserschälchen, lässt die Tropfen hörbar herabrieseln. Die Planschgeräusche bilden – neben sanftem Steineklickern oder zischelnden Luftklängen der Bläser – immer wieder Einstimmung und Ausklang, sozusagen den Naturkreislauf fünf kleiner Stücke, die Toshio Hosokawa zum „Singing Garden in Venice“ zusammengefasst hat. Sie wechseln sich mit vier Flötenkonzerten Antonio Vivaldis ab, die Jeremias Schwarzer mit rasanter Beweglichkeit auf der Blockflöte bläst, ein wenig auf Kosten allerdings eines tragenden, melodisch eindringlichen Klangs. Als „konzertante Installation“ wird das Ganze im Radialsystem uraufgeführt, die Stationen von Dämmerung, erwachendem Vogelgezwitscher, Sturm auf dem Meer und Festlichkeiten umfasst (noch einmal Sonnabend, 20 Uhr, sowie Sonntag, 19 Uhr).

Dafür stellt die Licht- und Raumkünstlerin Claudia Doderer die Musiker zwischen wechselnd beleuchtete Plastikteile, gestrandeten Schiffsplanken ähnelnd, zaubert dazu barock anmutende Himmelsspiegelungen in Blau und Gold. Hosokawas Musik verstärkt die märchenhafte Stimmung, fasziniert dadurch, wie sehr der Japaner Vivaldi der eigenen Sprache anverwandeln kann – von ihm bezieht er das harmonische Gerüst, ohne zu imitieren, und den Barockinstrumenten entlockt er eine erstaunliche Klang- und Ausdrucksfülle, die sich immer wieder Naturlauten annähert. Isabel Herzfeld

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