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KLASSIK

Feuer: Andris Nelsons mit den Philharmonikern beim Musikfest

Ein „Lerchenauisch Glück“ – auch das bietet das Musikfest. Andris Nelsons malt silberne Rosen und schwelgt in Walzerseligkeit, indem er die Suite aus dem „Rosenkavalier“ aufblättert. Instrumentalsoli der Berliner Philharmoniker singen die Traurigkeit der Marschallin, und das Orchester gibt sich dem Walzer hin, der den jungen, Bayreuth-gestählten Maestro als feurigen Strauss-Dirigenten erweist.

Er dirigiert wie ein Verliebter, verliebt in die Musik, als wollte er sie mit seinen pflanzenhaften Gesten umschlingen, alles umfassen, kein Takt soll verloren sein. Totale Verausgabung. Immer auf dem Sprung. Das gilt nicht nur für diese Blütenlese aus einer genialen Partitur. Der ganze Abend in der Philharmonie ist geprägt von Interpretation. Die Philharmoniker wissen es dem lettischen Meister zu danken. Neben „Marsyas“ von Wolfgang Rihm, der Rhapsodie für Trompete (Gábor Tarkövi) und Schlagzeug (Jan Schlichte) mit jazzigem Spaß, erklingt ein Stiefkind des Konzertbetriebs. Vor 77 Jahren hat Furtwängler die „Dorische Musik“ von Heinrich Kaminski aufgeführt. Das Werk folgt hier dem zweiten „Palestrina“-Vorspiel von Pfitzner. Wir befinden uns tief im Brunnen der Vergangenheit, da das zwanzigste Jahrhundert dem Palestrina-Stil huldigt. Die „Dorische Musik“ mit Streichersoli (Andreas Buschatz, Amihai Grosz, Ludwig Quandt) schöpft aus dem Vollen der Tonalität und der Orchesterpolyphonie, Mystik des strengen Satzes. Man meint, die alten Meister heute zu erblicken. Kontrapunktsüchtige Musik eines Eigenbrödlers, die durchaus fesselt, wenn Nelsons und die Philharmoniker sich ihrer annehmen. Sybill Mahlke

KUNST

Kraft: Aquarelle von

Emil Nolde in der Nolde-Stiftung

„Die Farbe hat mich“, jubelte Paul Klee, als er 1914 nach Tunis reiste, „sie hat mich für immer, ich weiß das.“ Emil Nolde, 1867 geboren und zwölf Jahre älter als Klee, hatte die Farbe immer, ein Leben lang, sie war ihm eigen und er benötigte keinen Orient, um Leuchten und Glühen der Farbe zu begreifen. Nolde ist der bedeutendste Farb-Maler der deutschen Kunst, und gerade im Medium des Aquarells, das doch eher das Zarte, Flüchtige begünstigt, zeigt sich seine Meisterschaft. In der Berliner Dependance der Nolde-Stiftung sind diesmal ausschließlich Aquarelle zu sehen, natürlich aus dem unerschöpflichen Fundus der Sammlung in Seebüll, darunter einige bekannte und in Berlin bereits vorgestellte Arbeiten (Jägerstr. 55, bis 30.10., tgl. 10–19 Uhr).

Im Aquarell behandelt Nolde alle Themen seines Werkes: Figuren, Blumen, Stillleben, am meisten aber, so jedenfalls lässt die Ausstellung vermuten, Landschaften. Die Blätter bersten schier vor Leuchtkraft und Farbakkorden, und man mag gerne glauben, dass der Himmel über Nordfriesland in allen Abstufungen des Regenbogens glüht. Feiner aber sind die ganz erstaunlichen Skizzen, die Nolde 1913 in China, auf dem Weg in die Südsee festgehalten hat und die sofort an fernöstliche Bildvorstellungen denken lassen. Mit knappen Strichen sind Dschunken angedeutet, schwimmend in einem Meer aus wasserblauen Strichen unter gelbem Himmel; ein größerer Teil des Blattes aber bleibt leer und weiß. Oder ein Blatt in Olivgrün und Ocker, das Gegenteil der späteren Farbstürme: Was für ein Reichtum an Valeurs sich aus dieser scheinbar monochromen Einfärbung herausschält! „Die Anzahl der Aquarelle, die Nolde geschaffen hat, geht in die Tausende“, schreibt Stiftungsdirektor Manfred Reuther im Katalog. Da warten also noch viele Ausstellungen. Bernhard Schulz

KLASSIK

Magie: Die Musikfabrik spielt Wolfgang Rihm beim Musikfest

Wie viel Luigi Nono steckt in Wolfgang Rihm? Fünf „Versuche“ einer „Musik in memoriam Luigi Nono“ zeugen vom Phantomschmerz des Jüngeren beim Tod des Freundes und wichtigen Anregers im Jahre 1990. Faszinierend ist zu erleben, wie Rihm sich die Sprache des Verstorbenen anverwandelt, quasi in seine Haut schlüpft, um nach und nach „ins Offene“ und zu sich selbst vorzustoßen. Die drei letzten „Versuche“ bietet die fabelhafte Musikfabrik unter der Leitung von Martyn Brabbins beim Musikfest Berlin. Scharfe, punktuelle Aktionen von Posaunen, tiefer Harfe und Klavierbässen zerreißen in „abgewandt2“ sanftere, stagnierende Klangflächen; gleißende Leuchtpunkte von gestrichenem Becken und Zimbeln gehen bis an die Schmerzgrenze. Rihm zeigt sich hier auch als Klangmagier, über alle Ausdrucksgewalt hinaus. „Umfassung“ und „La lugubre gondola/Das Eismeer“ weiten sich orchestral zur Raummusik, erinnern darin an Nonos „Prometeo“. Den Sturz des Prometheus-Themas bearbeitet Rihm im Chorwerk „Raumauge“ – den Männerstimmen des Rias-Kammerchors entlockt Hans-Christoph Rademann packende Intensität, mit aggressiv-rhythmischem Füßetrampeln zum Schluss. Sanft leuchten dagegen die Soprane im fast schon verstörend harmonischen „Astralis“. Den begeistert beklatschten Schlusspunkt unter dieses vielgestaltige Rihm-Porträt setzt Anna Prohaska, indem sie mit schwindelerregenden Höhen und unermesslichen Tiefen in „Mnemosyne“ daran gemahnt, dass „die Sterblichen eh an den Abgrund“ reichen. Isabel Herzfeld

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