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KLASSIK

Doppelte Dosis: Thielemann und

die Staatskapelle Dresden

Gewisse Ähnlichkeiten zwischen Christian Thielemann und Klaus Wowereit sind unverkennbar: Dirigent und Regierender Bürgermeister frönen einer überrumpelnden Berliner Pampigkeit, lauern lange bewegungslos auf den richtigen Augenblick – und schlagen instinktsicher zu. Beim Taktieren sieht Wowereit inzwischen eleganter aus. Dafür kann Thielemann auch ohne Legitimation eine Wiederholung durchsetzen: Bei seinem Auftritt mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden auf dem Musikfest verordnet er dem Publikum die doppelte Dosis von Ferruccio Busonis „Nocture Symphonique“. Und das liegt nicht nur an den diskreten Klangmischungen in dieser nächtlichen Stadtvision von 1914. Thielemann und sein künftiges Orchester (Wagners „Wunderharfe“!) tasten sich nur zögernd durchs musikalische Terrain, das an Weggabelungen zwischen Klassizität und undogmatischer Moderne führt. Das dürfte mehr schillern – und weniger tapsen.

Das Werk von trotzigen Tonsetzern ist bei Thielemann naturgemäß in den richtigen Händen. So avancierte er zum Pfitzner-Spezialisten, dem es jetzt oblag, dessen Klavierkonzert von 1922 in der Philharmonie vorzustellen. Doch man muss gar nicht in an den folgenden politisch- menschlichen Bankrott des Komponisten denken, um dieses Werk nur schwer genießbar zu finden. Unausgegorenes steht neben Essigsaurem. Reiner Wein ist das nicht, auch wenn Thielemann ihn stoisch als solchen auftischt. Tzimon Barto, der Schwarzenegger der Pianistenstars, schnauft so sehr unter der Last dieses undefinierten „deutschen“ Klanggewichts, dass man zunächst denkt, sein Steinway sei defekt.

Nach der Pause dann Brahms Erste, von Thielemann in den letzten Jahren oft dirigiert, eine Art Bekenntnisstück. Seine historisierende Monumentalsicht auf das Werk, von der Spitze des Berliner Doms aus interpretiert, hat sich mit den zartschmelzenden Dresdnern gewandelt. Es brucknert jetzt verstohlen durch die gesetzten Tempi, die Räume aufreißen, die musikalisch noch zu füllen wären, von Emotionalität ganz zu schweigen. Als Zugabe, natürlich, das Lohengrin-Vorspiel zum dritten Akt: Wunderharfe, durchgewunken. Thielemann befindet sich nicht im Wahlkampf. Ulrich Amling

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