KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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KLASSIK

Ein Mann, viele Worte: 

„Paulus“ in der Elisabeth-Kirche

Am Anfang: ein Backstein, von einem Vermummten geworfen: „Das ist gesetzt.“ Dann ein zweiter, dritter, eine Menge, schreiend, immer diesen einen Satz. Im Namen des Gesetzes wird gesteinigt. Doch der Anführer, Saulus, wird sich zum Apostel wandeln, zum wichtigsten Verkünder der christlichen Botschaft im frühesten Stadium. Das Musiktheater-Stück „Paulus“ in der St.-Elisabeth-Kirche (Regie: Annette Kuß), Höhepunkt des evangelischen Kirchen-Kultur-Kongresses, setzt auf den Mann des Wortes, im Gegensatz zum „katholischen“ Machtmenschen Petrus. In zehn Szenen will es die Kämpfe des Missionars in Klänge und Bilder übersetzen, Seelenräume nach außen drehen (wieder am heutigen Sonnabend und am Sonntag, 20 Uhr). Jens Schäfer ist dieser Paulus, einer von vielen, der durch klaren Blick und feste Sprache heraussticht, der zweifelt und glaubt zugleich und auch mit blutverschmiertem Gesicht noch um Sprache ringt. Christian Lehnert hat die Paulus-Briefe aus dem Neuen Testament zur Grundlage des Librettos gemacht. Komponist Thomas Jennefelt setzt zwei Saxofone und Schlagwerk ein, am überzeugendsten sind seine mehrstimmigen Vokalpartien für die Sänger des Athesinus Consorts und der Lilienfelder Cantorei Berlin, in denen 2000 Jahre scheinbar zu einem Augenblick verschmelzen. Paulus geht schließlich einfach aus der Kirche – zu uns? Was er hinterlässt: die Schrift. In der Tat, ein durch und durch protestantischer Abend. Udo Badelt

KABARETT

Ein Mann, viele Witze:

Dieter Nuhr in den Wühlmäusen

Die Augenringe sind nicht zu übersehen, dafür strahlen die braunen Augen. Lässig, mit ausgewaschener Jeans und grauem Shirt steht er da, mit einem Notenständer, auf dem ein iPad liegt. Dieter Nuhr kriegt sie alle, mit seinen Pointen wie mit den versteckten Anspielungen. Der Kabarettist, Typ rheinische Frohnatur, verzögert und dreht Pirouetten bei den Berliner Wühlmäusen, die Show heißt „Nuhr unter uns“ (wieder am heutigen Sonnabend und am Sonntag sowie von 21. bis 25.9., 20 Uhr). Das Publikum sieht in Nuhr immer noch den Dieter von früher, er schlägt den Bogen von Alltagsphänomenen über die aktuelle Politik und den Papstbesuch bis zur Klimakatastrophe, lobt Krombacher-Käufer, die unter Einsatz ihres Lebens trinken, um den Regenwald zu retten, beschreibt den Jüngeren, was eine Telefonzelle war und wie man einst eine Datenbank ohne Strom benutzte, das sogenannte Telefonbuch.

Dieter Nuhr greift die Schwachen und die Nörgler an und behauptet, dass sie nur moserten, weil sie eben die Schwächeren seien. Er ist immer ein bisschen höhnisch, aber nie wirklich böse. Dafür gibt es während der zweistündigen Veranstaltung reichlich Zwischenapplaus. Leider ist der Kabarettist zu oft von der modernen Technik abgelenkt. Er steht vor seinem Tablet-PC, scrollt hoch und runter und vergisst dabei die direkte Interaktion und den Augenkontakt mit dem Publikum. Rebecca Schindler

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