KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

H. P. Daniels

POP

Hüpfburg für Fiftysomethings:

die Specials in der Columbiahalle

„Enjoy yourself, it’s later than you think.“ Es ist ein alter Song von 1940, den The Specials, die Wegbereiter des britischen Ska-Revivals, 1980 auf ihre eigene ungestüme Art fröhlich herauspunkten. Heute stellt die reformierte Ska-Band aus Coventry die Aufforderung, das Leben zu genießen so lange man noch jung ist, als Intromotto über ihr Konzert in der Columbiahalle. Wenn auch kaum einer der Fans mehr im Jugendalter ist, so sind doch alle bereit, sich zu amüsieren, was das Zeug hält. „Do the Dog“ brettert von der Bühne, die Musiker mit schwarzen Sonnenbrillen und feschen Fedora-Hütchen wuseln, wippen, wackeln. Drehen auf mit „Dawning of a New Era“, während riesige Ventilatoren gegen die Hitze andrehen und die Mohairanzüge blähen. Bierbecher segeln durch die Luft, der Saal wird zur Hüpfburg für ausgelassene Fiftysomethings. Zum rasanten Ska-Offbeat shoutet der schwarze Sänger Neville Staple: „I only heard of you huggin’ up the big monkey man.“ Schon mit ihrer schwarz-weiß gemischten Besetzung waren die Specials immer ein Statement gegen rassistische Ressentiments. Lynval Golding, immerhin stolze 60 Jahre alt, spielt eine kristallklar klirrende Telecaster. Roddy Byers grätscht dazwischen mit der Gretsch. Bassist Horace Panter wandert mit hüpfenden Schritten über Griffbrett und Bühnenbretter. Und John Bradbury trommelt all die vertrackten rhythmischen Ska- und Reggae-Figuren mit lässiger Leichtigkeit. Mächtig tuten die Bläser, fröhlich quietscht eine Jahrmarktsorgel. Nur der einst so fidele Sänger Terry Hall wirkt wie ein angeschlagener Boxer und singt das eigentlich melodisch so reizvolle „Friday Night, Saturday Morning“ traurig ausdruckslos. Nach der Tournee wollen sich The Specials endgültig auflösen. H. P. Daniels

KLASSIK

Alles aus Zucker:

Debüt im Deutschlandradio Kultur

Da sage noch mal einer, klassische Musik verschrecke junges Publikum. Debüt im Deutschlandradio Kultur, das gilt an diesem Abend in der Philharmonie nicht nur für die drei jungen Protagonisten auf der Bühne, sondern auch für die Schulklassen auf den Rängen. Wer am Ende, nach einem mechanisch um sich schlagenden, emotional aber ansprechenden Finale von Strawinskys Feuervogel in die Runde schaut, der sieht viele zufriedene Debütanten. Der Applaus ist geradezu euphorisch, auch wenn das Deutsche Symphonie-Orchester nicht seinen allerbesten Tag hat. Schon zu Beginn zeigt der 1980 in Bulgarien geborene Yordan Kamdzhalov, was für ein Typ Dirigent er ist. Sachlich nimmt er das 2005 von Esa-Pekka Salonen komponierte „Helix“, ein neunminütiges Spiel mit Zeitmaßen und Tempoverdichtungen auseinander, um die Bausteine dann künstlerisch wieder zusammenzufügen. Die Ästhetik des Klangs ist Kamdzhalov wichtig, er versteckt das aber hinter viel Technizismus.

Das wird in den beiden folgenden Solokonzerten zum Problem – auch weil das DSO den jungen Dirigenten nur zu neunzig Prozent ernst nimmt. Was daraus folgt, ist ein zweiaktiges Lehrstück über klangliche und soziale Beziehungen zwischen Solisten und Orchester. Während Hyeyoon Park Jean Sibelius’ Violinkonzert in d-Moll so fantastisch autark, von jeglichem Ballast gereinigt darbietet, dass man tatsächlich das Gefühl hat, der nackten Musik zu begegnen, versucht Michail Lifits Alexander Skrjabins Klavierkonzert in fis-Moll so sehr zu versüßen, dass sein Spiel in den Orchesterklang einfließt wie Cola mit extra Zucker. Lifits offenbart die gestalterischen Defizite des Orchesters. Daniel Wixforth

KUNST

Kopflos im Dunkeln:

Rebecca Thomas im Kolbe-Museum

Anfassen gilt auch diesmal nicht. In der „Kunstkammer“, einem abgedunkelten Kabinett im Georg-Kolbe-Museum, findet nicht etwa ein Tapp- und Tastkino im Sinne der Performancekünstlerin Valie Export statt. Die Installation „Damenbesuch“, im Zentrum eine nackte Frauenfigur, stammt von der jungen Künstlerin Rebecca Thomas (bis 23.10., Sensburger Allee 25, Di-So 10-18 Uhr). Hat man sich erst an die Dunkelheit gewöhnt, erkennt man den kopflosen, ausgestopften Stoffkörper einer Dame, die sich selbst an die Brust fasst, eine Anspielung auf den seit dem Mittelalter verbreiteten Marientypus der Maria Lactans. Zu den weiteren kunsthistorischen Referenzen gehört die Mondsichelmadonna: Zu Füßen der Figur liegt ein halbmondförmiger Karpfen, das Oberlicht der Kammer ist mit einem strahlenkranzförmig drapierten Tuch abgedeckt. Man mag auch an das manieristische Brustbild der „Gabrielle d’Estrées mit einer unbekannten Frau im Bade“ denken, das französische Bild mit dem berühmten Kniff in die Brustwarze. Thomas, an Kunstakademien in Karlsruhe und Hamburg ausgebildet, heute in Berlin Zuhause, jongliert gern mit religiösen und kunsthistorischen Referenzen, die sie gegeneinander ausspielt. Die Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen spielt auch beim „Damenbesuch“ eine zentrale Rolle. In Hamburg hat Thomas bei Andreas Slominski studiert, bekannt für seine „Fallen“-Objekte. Auch in Thomas’ ironischer Peepshow wird man überwältigt: von den weiblichen Klischees, die die Künstlerin auf engstem Raum konzentriert. Jens Hinrichsen

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