KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

von

HÖRSPIEL

Lichtdiebe: „Words and Music“

in den Sendesälen des Funkhauses

Ein Konzert in absoluter Dunkelheit? Was da alles passieren kann! Also werden die Besucher des Funkhauses Nalepastraße mit Infrarotkameras überwacht, es wird davor gewarnt, den Ort bei Nyktophobie, Achluphobie, Lygophobie und sonstigen Nachtängsten zu betreten und blinde Führer stehen bereit, diejenigen zu retten, die es trotzdem tun. Und nun sitzt man da im kleinen Sendesaal und sieht bang, wie das Licht ausgeht. Belohnt wird man mit gesteigerter Wahrnehmungsfähigkeit für das Hörspiel „Words and Music“ von Samuel Beckett und Morton Feldman, die auch das Magengluckern des Nachbarn einschließt (noch einmal live am 25. und 26.9, 20 Uhr sowie als Installation am 25.9. um 11, 13, 15 und 17 Uhr).

Glücklich ist, wer sich den Text zuvor durchgelesen hat. Die Idee des in der Originalsprache gegebenen Stücks ist ein Dialog zwischen Wort (Hanns Zischler) und Musik (Solistenensemble Kaleidoskop), angeregt und gesteuert durch eine Gestalt namens Croak (Shaun Lawton). Doch das Experiment funktioniert auf dem Papier besser als in der klanglichen Realität: Feldmans Komposition vergisst, dass Worte auch dann Musik sind, wenn sie nicht in diatonischen Tonschritten gesungen werden. Dieses Problem können sowohl die Ausführenden als auch die Regisseurin Sabrina Hölzer von der Zeitgenössischen Oper Berlin nicht lösen. Und der Effekt, dass Croak live im Raum spricht, während die übrigen Stimmen aus dem großen Sendesaal zugeschaltet werden, wird verschenkt, als Croaks Schlurfen dann wieder aus dem Lautsprecher zu kommen scheint. Was bleibt, ist ein angenehmes Raumklangerlebnis, das der Liveaufführung gar nicht bedarf, weil das Solistenensemble in CD-Qualität musiziert. Carsten Niemann

KINO

Körperspender:

„Transfer“ von Damir Lukacevic

Die Materialschlachten und SpezialeffektSpektakel der letzten Jahre haben fast vergessen lassen, dass es auch eine andere Art von Science Fiction gibt: die kammerspielartige Studie, in der aktuelle gesellschaftliche Konflikte weitergedacht und zugespitzt werden. Obwohl sie in der Zukunft spielen, bilden diese Filme im besten Fall präzise die Befindlichkeit ihrer Zeit ab. Die deutsche Produktion „Transfer“ (in den Kinos Acud, Brotfabrik) ist ein Versuch in diese Richtung. Fast ohne Effekte, mit einem Budget von knapp über einer Million Euro, bündelt Regisseur Damir Lukacevic Themen, die unsere Gesellschaft gerade beschäftigen.

Ein reiches, kinderloses Ehepaar (Hans-Michael Rehberg und Ingrid Andree) entscheidet sich dafür, den Dienst der Firma Menzana in Anspruch zu nehmen. Die hat eine Technik entwickelt, die Gehirne ihrer Klienten zu scannen und in andere Gehirne zu übertragen. Menzana verkauft Unsterblichkeit, die ja nur dann wirklich etwas taugt, wenn sie mit ewiger Jugend verbunden ist. Denn wer möchte schon ewig altern? Also werden Freiwillige gebraucht, die bereit sind, für Geld ihre jungen Körper zur Verfügung zu stellen. Es liegt nahe, dass Menzana den „Rohstoff“ aus Afrika bezieht, und das nicht nur, wie es dem Ehepaar erklärt wird, weil dunkle Haut gegen die Folgen des Klimawandels besser gewappnet ist. „Transfer“ greift also die Probleme des demografischen Wandels und abnehmender Einwohnerzahlen im wohlhabenden Westeuropa auf; ebenso die Bevölkerungsexplosion in armen Ländern, Menschenhandel und Migration, Fremdbestimmung und Identität, die Konflikte von Jung und Alt, Arm und Reich, Schwarz und Weiß.

Leider tritt all das bald zugunsten einer reichlich konstruierten Haupthandlung in den Hintergrund. Die Technik des Persönlichkeitstransfers will es, dass die afrikanischen Körperspender jede Nacht für vier Stunden zu sich kommen und sich ihrer eigenen Gehirne und Körper bedienen. Apolain (BJ Britt) und Sarah (Regine Nehy) begegnen sich in der nächtlichen Villa, eine Liebesgeschichte, Sarah wird schwanger. Um sich nicht länger mit den kurzen nächtlichen Stunden zufrieden geben zu müssen, heckt das afrikanische Paar einen wirren Plan um abgelenkte Aufseher, manipulierte Medikamente und falsche Identitäten aus. Was eine faszinierende Parabel hätte werden können, verkommt so zu einem mäßig spannenden Thriller. David Assmann

0 Kommentare

Neuester Kommentar