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Energetisch. The Duke Spirit. Foto: Promo
Energetisch. The Duke Spirit. Foto: Promo

KLASSIK

Auf Holz klopfen: Benefizkonzert

der Berliner Philharmoniker

Hör’ ich das Liedchen klingen, hörst du den Vogel singen – es trifft Millionen Menschen, dass sie so anmutige Klänge nicht ungetrübt hören können. Die Berliner Philharmoniker übernehmen Verantwortung, indem sie mit einem Benefizkonzert zum Aufbau der Deutschen Tinnitus-Stiftung Charité beitragen. Hörstörungen bei Musikern sind nicht selten, weil die Spieler musizierend „Täter und Opfer“ sein können, wie Intendant Martin Hoffmann formuliert. Als Ärztin verweist Birgit Mazurek für die Stiftung auf die Dringlichkeit von Forschung und Prävention, auch besonders bei Jugendlichen. In dieser lauten Zeit!

Ein Betroffener unter den Berliner Philharmonikern, Cellist Martin Menking, hat den Faden von der Charité zu seinem Orchester gesponnen, das spontan mit vier Ensembles aus den eigenen Reihen in der Philharmonie anrückt. Verdient macht sich hier auch die BVG, da sie am Marathon-Sonntag für reibungslosen Shuttle vom Bahnhof Zoo sorgt.

Benefiz pflegt heiter zu sein, um in ernster Sache helfen zu können. Dank dem Blechbläserensemble funkelt bei einem Frühschoppen „Homage to the Noble Grape“ von Arrangeur Goff Richards spritzig der Champagner im Glas, dem weitere Weinporträts folgen, ohne durch Substanz beschwipst zu machen. In der „Kleinen Kammermusik“ von Hindemith harmoniert erquicklich das Philharmonische Bläserquintett, bevor die fabulösen 12 Cellisten der Philharmoniker mit Werken von Villa-Lobos und Piazzolla chorische Wohltat spenden, aus der feine Soli springen. Für die Sensation der Matinee sorgt die Fraktion der Schlagzeuger mit ihrer Virtuosität, „Music for Pieces of Wood“ von Steve Reich metarhythmisch zu verdichten: Tausendmal auf Holz geklopft. Sybill Mahlke

KLASSIK

Frühe Werke, letzte Dinge: das DSO und Metzmacher in der Philharmonie

Zwei Programmmusiken von jungen Katholiken: Klassik zum Ausklang des Papstbesuchs? Ein Dirigent, so kommt einem angesichts von Ingo Metzmacher sofort in den Sinn, ist eine Art Priester, der energisch Kreuzzeichen und verwandte Chiffren in die Luft malt, auf dass andere seinem Gleichnis folgen mögen. Metzmachers erster Auftritt mit dem Deutschen Symphonie-Orchester nach seinem nicht ganz freiwilligen Weggang als Chefdirigent eröffnet die Saisonreihe „Grenzwege“ (ein allzu vages Motto) mit zwei Frühwerken. Schon Messiaens viersätzige Meditation „L’Ascension“ (1932/3), die der französische Mystiker mit 24 schrieb, erweist sich als Gratwanderung. Von Gott beseelt, vom Dämon besessen, Frömmigkeit und Religion gehen in eins. Insistierende Befragung der Religion: Das zum Zerreißen gespannte Zeitlupen-Streicherband im Finalsatz treibt Metzmacher mit einer Intensität in die Höhe, dass der jedem Glauben innewohnende Zweifel an allen Sinnen zu nagen beginnt.

Schuberts unvollendetes, auf drei „Handlungen“ angelegtes „Lazarus“-Oratorium – vermutlich ein Auftragswerk zur Eröffnung einer evangelischen Fakultät in Wien, die aber so nicht stattfand – ist wiederum ein echtes Experimentalwerk. Mit dem Wagemut der Jugend probiert der 23-jährige Schubert alles aus, schlägt dramatische Opern-Arientöne an, lässt ACappella-Chöre auf Oratorien-Rezitative folgen und schaut dem Tod bei der Arbeit zu. Er bringt Angst, Schmerz, Wut zu Gehör, Sterbehilfedebatte, Nahtoderfahrung, und eine herrlich schaurige Friedhofsszene. Schuberts „Winterreise“, man ahnt sie von Ferne. „Ich sterbe, ach nun kommt des Todes Fußtritt“, singt Lazarus alias Steve Davislim, der sich in der Rolle des mit seinem Schicksal ringenden Kranken nicht immer zurechtfindet. Wenig später reißt die Musik ab, mitten im zweiten Teil, im Klagelied von Lazarus’ todessehnsüchtiger Schwester Martha. Sofortiger Exitus. Kein Trost wird gespendet, eine Auferstehung findet nicht statt.

Ein verrücktes Fragment, vor dessen Eigenheiten das engagierte DSO, der aus dem Stand Innigkeit zaubernde ErnstSenff-Chor und die Solisten nicht zurückscheuen. Marlis Petersen verkörpert mit festem Sopran das Vernunftprinzip, Sandra Trattnigg gibt die Tragödin, Martina Janková die engelsgleiche Anmut, Werner Güra und der überragende Bariton Gerald Finley steuern das theatralische Moment im Angesicht des Todes bei. Und Metzmacher modelliert die Bangigkeit, die Emphase und das Schmachten mit großer Empathie. Schön, seine unerschrockene, sinnliche Art mal wieder mit dem DSO erleben zu können. Christiane Peitz

ROCK

Das Feuer schüren:

The Duke Spirit im Lido

Die Männer halten Abstand. Sie drücken sich ganz außen an den Bühnenrändern herum, wo sie außerhalb des Scheinwerferkegels in die Saiten hauen. Das Zentrum gehört allein Liela Moss. Wie ein Kugelblitz in schwarzen Lederhotpants tobt die Sängerin über die Bretter, schüttelt die blonde Mähne, schleudert die Arme in die Luft und schwingt den Mikrofonständer über dem Kopf. Moss ist das energetische Zentrum von The Duke Spirit, ihre Stimme das Herz des bluesigen Garagenrocksounds.

Gerade hat das Londoner Quintett mit „Bruiser“ sein drittes Album herausgebracht. Es ist weniger zwingend geraten als der Vorgänger „Neptune“, doch beim rund 80-minütigen Konzert im Berliner Lido fällt das fast nicht auf. Die Stücke „Procession“ und „Cherry Tree“ machen gleich zu Beginn mächtig Druck. Der neue Bassist Marc Sallis und der Drummer Olly Betts, dessen Tom-betontes Spiel ein Markenzeichen der Band ist, rollen einen wunderbar grollenden Rhythmusteppich aus, auf dem die beiden Gitarristen munter herumlärmen können. Dabei erinnert die Band mal an PJ Harvey während ihrer „Stories From the City, Stories From the Sea“-Phase, dann geht es – vor allem gegen Ende – immer wieder in Richtung Sonic Youth. Geschickt variiert das Quintett das Tempo, streut auch mal einen Dreivierteltakt ein und verlässt sich ansonsten auf die schiere Wucht seiner Songs. Liela Moss heizt das Feuer mit Rassel, Schellenkranz und Klanghölzern an. Zum krawalligen Finale bläst sie mit einer Mundharmonika, von der fast nichts zu hören ist. Egal: The Duke Spirit haben prima Rockentertainment geboten. Nadine Lange

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