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LIEDERABEND

Balladen-Glanz: Maren Kroymann

in der Bar jeder Vernunft

Gelassenheit gehört zu den Dingen, die sich schwer lernen lassen. Wer Glück hat, bekommt sie im Alter einfach geschenkt. So wie Maren Kroymann, die in einer ihrer witzigen Zwischenmoderation erzählt, dass ihr heute, mit 62 Jahren, viele Zuschreibungen und Bedenken einfach „wurschter“ sind als früher – genau wie die korrekte Komparativbildung. Mit dieser Pointe wischt die Schauspielerin, Kabarettistin und Sängerin in der Bar jeder Vernunft elegant alle Fragen vom Tisch, die ihr neues Gesangsprogramm mit dem Titel „In My Sixties“ (bis 9.10., Di-Sa 20 Uhr, So 19 Uhr) aufwerfen mag. Fragen wie: Wieso reproduziert sie den Soundtrack ihrer Jugend? Wieso müssen es ausgerechnet die Lieder der damals nicht einmal halb so alten britischen Soul-Diva Dusty Springfield sein? Einfach weil sie es sich in den Kopf gesetzt hat. Gut so!

Kroymann startet sehr dynamisch mit Springfields erstem Solo-Hit „I Only Want To Be With You“, einer Motown- haften Up-Tempo-Nummer. Überzeugender gelingen ihr jedoch die dramatischen Balladen. „Some Of Your Lovin‘“, „I Close My Eyes And Count To Ten“ und „I Think It’s Going To Rain Today“ sind Höhepunkte des Abends, den die Jo Roloff-Band stilsicher begleitet. Das Quartett stand schon vor zehn Jahren bei Kroymanns erstem Programm „Gebrauchte Lieder“ an ihrer Seite. Die Sängerin wechselt drei Mal ihre schicken Kostüme und wird nach der Pause deutlich lockerer. Vielleicht liegt es daran, dass sie jetzt hauptsächlich Stücke von Interpreten wie Dean Martin und Catherine Deneuve singt, die in tieferen Lagen angesiedelt sind. Am Ende der Zeitreise schaut sie mit „In Private“ noch kurz in den Achtzigern vorbei, als die Pet Shop Boys Dusty Springfield ein schönes Comeback bescherten. Das der Kroymann ist ebenfalls geglückt. Nadine Lange

LESUNG

Obskur: Sebastian Fitzek und

„Der Augenjäger“ in der Unsichtbar

Er öffnet seinen Opfern die Augen. Zuerst entfernt er ihnen die Augenlider, danach vergewaltigt er sie. Vor lauter Qual und Schmerz bringen sich die Frauen danach um. Dr. Suker ist tagsüber Augenchirurg, abends Psychopath. Zur Überführung des Täters kann einzig die Physiotherapeutin Alina Gregoriev beitragen, die der Polizei bei der Ermittlung hilft und in ein aufreibendes Durcheinander aus Wahn und Gewalt gerissen wird.

Der Berliner Thriller-Autor Sebastian Fitzek ist ein Spezialist, wenn es um Morde, Vergewaltigungen und Amokläufe geht. Sein neues Buch „Der Augenjäger“ (Droemer Verlag, 432 Seiten, 19,99 €) wird in der „Unsichtbar“ in Berlin Mitte vorgestellt, einem sogenannten Dunkelrestaurant, in dem die Gäste in absoluter Finsternis speisen. Das passt natürlich, denn Fitzeks Protagonistin Gregoriev ist blind.

Zur Lesung werden Gerichte mit den schönen Namen „Augenschmaus Oriental“ und „Schäumende Albträume“ serviert, während immer wieder einzelne Kapitel des Hörbuchs ertönen – eine Lesung ist unter den obskuren Umständen unmöglich. Arg klamaukig wirken die kleinen eingespielten Dankesreden von Klaus Wowereit, Dieter Bohlen, Marcel Reich-Ranicki und Reiner Calmund, die in Wirklichkeit von Stimmenimitator Elmar Brandt stammen. Fitzek selbst traut sich nach eigener Auskunft endlich einmal seinen Lieblingspulli zu tragen, einen buntgestreiften Bärchenpulli, denn klar, keiner kann ihn sehen. Einige B- und C-Promis sind übrigens tatsächlich da: Oliver Kalkofe, Annika Kipp und Michael von Hasse.

Bekannt wurde Sebastian Fitzek 2006 durch den Psychothriller „Die Therapie“, der als bestes Debüt für den Friedrich-Glauser-Preis nominiert war. Sein Bestseller „Das Kind“ wurde erst kürzlich mit dem Bruder von Eric Roberts, dem Bruder von Julia, und Ben Becker in Berlin verfilmt und kommt nächstes Jahr ins Kino. Die nächste Lesung von „Der Augenjäger“ findet am 1. Oktober um 16 Uhr im Schlosspark Theater in Steglitz statt – diesmal mit Licht. Rebecca Schindler

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