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TANZ

Gala zum Saisonauftakt: das Staatsballett in der Deutschen Oper

Ist sie’s oder ist sie’s nicht? Wenn Polina Semionova, die Erste Solistin des Staatsballetts Berlin, als Carmen auf die Bühne der Deutschen Oper stolziert, sieht sie mit ihrer Corsage und der Bubi-Kopf-Frisur wie eine Wiedergängerin der legendären Zizi Jeanmaire aus. Das Staatsballett Berlin startet in alter Tradition mit einer Gala in die neue Saison – und huldigt dem französischen Choreografen Roland Petit. „Carmen“, 1949 für seine Muse kreiert, begründete Petits Ruhm. Seine Männerfresserin ist ein frivoles Geschöpf wie aus einem Montmartre-Varieté. Semionova bezirzt mit messerscharfen Piqués, einem lasziven Kreisen der Schultern und wirft Ibrahim Önal, der als Don José Machismo aus allen Poren verströmt, herausfordernde Blicke zu. Heute mutet der Pas de deux ein wenig antiquiert an in seiner phallischen Symbolik. Petit, Petipa, Zanella: Vladimir Malakhov kombiniert große Namen mit wenig bekannten Choreografen. Das Ergebnis hat nur bedingt Esprit. Interessanter sind die teils ungewöhnlichen Paarungen.

Die hinreißende Elisa Carrillo Cabrera, soeben zur Ersten Solistin befördert, gibt sich mit Malakhov als Partner dem Spiel von Anziehung und Abstoßung hin. Und lässt vergessen, dass Zeynep Tanbays Duett „Araz“ von allzu routinierter Machart ist. Kniffliger sind die Bewegungen, die sich Tim Plegge für sein Duett „Sonett XVIII“ zur Musik von Philipp Glass ausgedacht hat. Nadja Saidakova und Vladislav Marinov verleihen dem Tanz die nötige Schärfe. Der Höhepunkt ist das witzige Trio „The Sofa“ des israelischen Choreografen Itzik Galili zu Tom Waits’ „Nobody“. Der leicht verlotterte Leonard Jakovina schmeißt sich an die zierliche Soraya Bruno ran, die seine Umarmungen trotzig abwehrt. Bis Michael Banzhaf als Aufreißer-Tucke in Leder und Samt die Position der Frau einnimmt und dem Grabscher seinerseits auf die Pelle rückt.

Opulent die zweite Hälfte. Das Divertissement „Die vier Jahreszeiten“ stammt aus Malakhovs Ballett „Verdi: Ein Maskenball“. Elena Pris als Eiskönigin hat vier Knaben ganz in Weiß im Gefolge, Shoko Nakamura wird in der Frühlingsepisode als Nymphe mit Blütenkranz von Wieslaw Dudek gejagt, einem Faun mit Zottelbeinen. Beatrice Knop und Dmitry Semionov wandeln auf der Sonnenseite des Lebens. Aber auch Iana Salenko und Dinu Tamazlacaru, die den Herbst einläuten, strahlen um die Wette. Malakhovs Choreografie ist bisweilen nah am Kitsch. Doch die Solisten des Staatsballetts präsentieren sich in guter Form. Die Tanzsaison kann beginnen. Sandra Luzina

SHOW

Szenen einer Ehe:

Malediva im Tipi

Kenner der Ehe wussten schon immer, dass das Bett nicht nur ein Ort zum Schlafen und Beischlafen ist, sondern auch zum Reden – und Streiten! Tetta Müller und Lo Malinke von Malediva, die seit Jahren ihr Beziehungsdrama erfolgreich auf der Bühne verarbeiten, machen es vor: In ihrer neuen Show „Pyjama Party!“ (Tipi am Kanzleramt, bis 16.10.) hindern sie sich eine ganze Nacht lang gegenseitig am Einschlummern – obwohl doch am nächsten Morgen die Hochzeit von Sabine und Peter ansteht, die zwar schon seit 20 Jahren verheiratet sind, sich aber erneut das Jawort geben wollen, um herauszufinden, ob sie sich noch lieben. Da bekommen Kleinigkeiten schnell dramatische Funktion: eine Zigarette, der Fernseher, die schwule Lampe („Die ist nicht schwul, die ist barock!“). Meist zieht Lo den Kürzeren, aber so etwas wie Liebe und tiefe Vertrautheit sind immer noch da, und sie blitzen auf in den Liedern (Klavier: Florian Ludewig), in denen die beiden wirklich ein Paar sind. Auch Malediva lieben sich im Bett, nur eben anders. Ein Problem ist allerdings, dass der Aktionsradius dort naturgemäß eingeschränkt ist. Das wird kompensiert durch Bösartigkeiten („Ach, du meinst dein durchfallfarbenes Sakko?“). Wenn Malediva singen: „Wir sind nicht mehr so witzig wie früher“, dann stimmt das sicher nicht. Aber: Nach dem Tod ihres langjährigen Regisseurs Wolfgang Kolneder gehen sie erst mal auf Nummer sicher und orientieren sich an ihren früheren Shows. Auf Dauer werden sie allerdings nicht drum herumkommen, das Format weiterzuentwickeln. Udo Badelt

KLASSIK

Kristalline Härte: Lise de la Salle

im Kammermusiksaal

Ist es das falsche Programm oder braucht sie einfach Zeit, um sich warmzuspielen? Eine kühle Begegnung findet mit Lise de la Salle im Kammermusiksaal statt. Wie aufgezogen rattert die 23-jährige Französin durch Bachs Italienisches Konzert, mit Fingerfertigkeit und Kraft zwar, aber mit einer klanglichen Härte, in der die Musik nicht zum Schwingen kommen kann. Ähnlich ist es bei Franz Liszt, dem La Salle sich über seine Bach-Transkriptionen nähert. Das unlängst auf CD eingespielte Programm mischt geschickt Bekanntes und Unbekanntes. So kraftvoll geht die Pianistin den Höllenritt der „Dante“-Sonate an, als müsste sie etwas beweisen. Dabei kann sich bei so viel Druck kein voluminöses, atmendes Forte mehr entwickeln. Erst bei der „Lacrimosa“-Transkription aus Mozarts „Requiem“ entdeckt sie die Tiefen der Polyphonie, das Klagen und Seufzen der Stimmen. Sie spielt sich mit den ekstatischen Aufschwüngen von Schumann-Liszts „Widmung“ frei und entfacht in „Isoldes Liebestod“ ein so feinperliges Zerstäuben und Verdämmern, dass man hier erst ihre Sensibilität entdeckt. Leidenschaft kann sich auch leise äußern, das zeigen ihre ausziselierten Zugaben des letzten Chopin-Nocturnes und des Debussy-Préludes „La danse de Puck“. Hier gibt es plötzlich Bravorufe und anerkennende Pfiffe: Eigentlich könnte ihr Recital jetzt so richtig anfangen. Isabel Herzfeld

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