KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

von

KLASSIK

Triumphales Jubiläum: Zubin Mehta bei den Berliner Philharmonikern

Jeder Bariton, der auf sich und das heldische Fach hielt, hat in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts den Danton in Gottfried von Einems Büchneroper gesungen. Ein Riesenerfolg in Salzburg 1947. Um die gleiche Zeit entstand eine „Orchestermusik Opus 9“ des schlagartig berühmt gewordenen Komponisten. Dass sie jetzt nach 50 Jahren Pause wieder bei den Berliner Philharmonikern erklingt, hat mit einem wunderschönen Jubiläum zu tun: Zubin Mehta wiederholt das Programm, mit dem er vor einem halben Jahrhundert bei den Philharmonikern angetreten ist. So auch den vergessenen Einem, gefällige Nachkriegsmoderne eines Könners.

Schumanns Cellokonzert, 1961 gespielt von Enrico Mainardi, wird nun Johannes Moser anvertraut. Seine Interpretation ist Nachdenken über Musik. Das macht ihre Lebendigkeit aus, das quasi Improvisatorische bei aller Kontrolle. Er zwingt den Hörer in sein Pianissimo hinein, korrespondiert mit Mehta wie dem Solocellisten Olaf Maninger in der Innenspannung der Melodik.

In der fünfsätzigen Urfassung der Ersten von Gustav Mahler wird die erworbene Selbstverständlichkeit zwischen Dirigent und Orchester zum Ereignis, die Flexibilität, die jeder Tempomodifikation gerecht wird. Ist es im Andante der Gesang von Trompete und Oboe (Gábor Tarkövi und Albrecht Mayer), so fesselt nach der zarten Introduktion des Kontrabasssolos von Janne Saksala der weite Bogen des Trauermarschs. „Alle Hornisten stehen auf“: Wenn die Symphonie zu Ende geht, danken die Philharmoniker ihrem getreuen Gastdirigenten mit „triumphalem“ Fortissimo. Sybill Mahlke

ELEKTRO

Dröhnendes Delirium:

Zola Jesus im Berghain

Himmlischer Vater, mach, dass das wahr ist! Diese wunderbare Mädchenerscheinung mit der unfassbaren Stimme, die im ausverkauften Berghain auf der Bühne steht und bei jedem Drumschlag zusammenzuckt. Kaum größer als eine Parkuhr wirbelt sie im weißen Flatterhemd über die Bretter, schüttelt ihre blonden Engelshaare und fällt auch mal in sich zusammen. Doch was zählt und für ergreifende Momente sorgt, ist natürlich ihre Stimme, die existenziellen Schmerz nach außen kehrt und sich von den Maschinenbeats mitschleifen lässt, als würde am Ende des Weges das eigene Grab auf sie warten.

Zola Jesus nennt sich die ukrainisch-stämmige US-Sängerin Nika Roza Danilova. In den letzten Jahren hat sich die 22-Jährige von einer „schwierigen“ Teenagerin, die mit Operngesang und Lo-Fi-Noise-Elementen experimentiert, zu einer Künstlerin gemausert, die als neuer Stern am düsteren Pophimmel gehandelt wird. Bei der Live-Präsentation ihres dritten Albums „Conatus“ wird sie von drei Musikern begleitet, die ihr mit wuchtigem Galeerengepauke, elegisch wabernden Keyboardflächen und synthetischen Streichern eine mystische Klangkathedrale bauen. Eine Musik, die nie in dissonante Bereiche vorstößt, aber an deren Rändern die schönsten, fast schmerzhaft störrische Melodien wachsen lässt. Alles klingt nach Delirium, Kummer und Verzweiflung. Doch Zola Jesus erhebt ihr zorniges Haupt über all diese Niederungen und jubiliert mit einer Stimme, deren durchdringenden Vokale an die junge Siouxsie Sioux und Kate Bush erinnern. Eine mutige Performerin, deren introspektive Wunderlichkeit für eine fantastische Stunde den Moment festhält, wo das Subjekt gegen seine Auflösung kämpft und gleichzeitig sein Verschmelzen mit der Musik zelebriert. Ja wirklich, es hebt ab, ganz langsam, aber entschlossen dem Jenseits zuwinkend. Volker Lüke

KLASSIK

Holdes Hallen: Kammermusik des RSB im Neuen Museum

Klassik an „ungewöhnlichen Orten“ ist fast immer Ohrenwischerei. Denn Locations, die besonders gut aussehen, klingen selten besonders gut. In diesem Fall aber erweist sich das überakustische Treppenhaus des Neuen Museums als idealer Ort für das Kammermusikprogramm des Rundfunk-Sinfonieorchesters, bei dem die drei Flötisten Ulf-Dieter Schaaff, Rudolf Döbler und Markus Schreiter von der Harfenistin Magdalena Zimmerer und dem Bratschisten Gernot Adrion unterstützt werden.

In der halligen Halle entfaltet sich der zarte Klang der Instrumente bei den Arien-Bearbeitungen aus Bachs Kantate BWV 201 in wahrhaft festlicher Üppigkeit. Voll und sinnlich schweben auch die Linien der Solo-Flöte durch den Raum, in leicht ägyptischer Anmutung bei Harald Genzmers „Pan“, griechisch-formvollendet bei Debussys „Bilitis“ und „Syrinx“.

Intelligent reflektiert das Programm sowohl die Sammlungsinhalte wie auch die Architektur des wieder aufgebauten Hauses, von der archaischen Antike bis hin zum Neoklassizismus, der in Debussys (großartig vielschichtig interpretierter!) Sonate für Flöte, Harfe und Viola durchscheint. Enttäuschend allein die Uraufführung des Abends, Johannes Wallmanns „Schilf in Händen“: Wie kann man das reiche Klangspektrum der Flötenfamilie nur so überraschungsfrei durchdeklinieren! Frederik Hanssen

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben