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POP

Deutsche Impressionen:

Erdmöbel im Lido

Die Anzüge sind neu. So neu, dass Erdmöbel sie noch nicht anhatten, als ihnen ein Radio-DJ ein vergiftetes Kompliment machte: „Eure Musik klingt jünger als ihr ausseht.“ Muss man als deutsche Band wohl einstecken, wenn man Mitte 40 ist und nicht nach Westernhagen klingt. Ob die farbigen Zwirne was geändert hätten, bleibt zu bezweifeln: Mit ihnen sieht das Quartett im Lido wie die Diskothekencombo einer alten „Derrick“-Folge aus.

Erdmöbel machen Nischenmusik, sind zwischen die Generationen gefallen. Aber in dieser Nische kann die in Köln ansässige Band ganz gut leben. Ihren Songs geht das Aufrührerische der „Hamburger Schule“ komplett ab. Lieber üben sie sich in der Kunst der Beobachtung und notieren Impressionen aus einem seltsamen Land. Was sich in Titeln wie „Vergnügungslokal mit Weinzwang“, „Russisch Brot“ oder dem „Lied über gar nichts“ äußert. Die Virtuosität, mit der Songschreiber Markus Berges, der als Sänger an Rio Reiser erinnert, die phonetischen Eigenarten der deutschen Sprache nutzt, ist bewundernswert, führt aber ab und an ins Leere. Wenn die vier, unterstützt vom exzellenten Posaunisten Henning Beckmann, mit der Gelassenheit alter Fahrensmänner durch raffinierte Arrangements navigieren, streift das mehr als einmal den Easy-Listening-Sound von Burt Bacharach. Nur folgerichtig, dass sie dessen „Close to you“ als eingedeutschtes „Nah bei dir“ covern und das begeisterte Auditorium minutenlang in einem Mitsing-Choral schwelgen lassen. Jörg Wunder

KINO

Indischer Spagat:

„Bombay Diaries“ mit Aamir Khan

Macht Muckis, das viele Malen. Zumindest wenn Aamir Khan den Künstler spielt. Der Schauspieler, Regisseur und Produzent ist ein Superstar des Bollywood-Kinos. Da gehört eine definierte Muskulatur dazu. Und so stapft der Maler Arun mit der sparsamen Mimik merkwürdig athletisch und gedankenschwer in Mumbai und in seinem Atelier herum.

Er und drei weitere Menschen im Gewusel der Megacity sind die Helden des Episodenfilms „Bombay Diaries“ (Babylon Mitte, Eiszeit). Aus der Stadt mit den zwei Namen kommen nicht nur Bollywood- Blockbuster, sondern auch immer mehr Arthaus-Produktionen. Auf den beiden letzten Berlinalen gab es mit der Mediensatire „Peepli live“, dem Familiendrama „Patang - The Kite“ und der Rap-Porno-Wüterei „Gandu“ eine beispielhafte Auswahl.

„Bombay Diaries“ pflegt dagegen – trotz der wackeligen Videosubjektive einer Figur und den deutlich thematisierten sozialen Unterschieden – eine eher kommerzielle Arthaus-Attitüde. Das reiche Mädchen Shai (Monica Dogra), die betrogene Ehefrau Yasmin (Kriti Malhotra) und der edle Wäscherjunge Munna (Prateik) sind ausnahmslos mit schönen Menschen besetzt. Die Charakterzeichnung ist holzschnittartig, alle Tragik birgt doch die Hoffnung auf ein Happy-End.

Zwar glückt der Spagat zwischen indischer und europäischer Erzähltradition, zwischen Sozialdrama, Liebesgeschichte und Künstlerfilm nicht ganz. Aber Drehbuchautorin und Regisseurin Kiran Rao – Ehefrau von Aamir Khan – geht einen interessanten neuen Weg. Und weil die Stadt die fünfte Hauptrolle spielt, sind viele atmosphärische Ansichten der Wirtschaftsmetropole Mumbai zu sehen: die Altstadtbasare um den Crawford Market, die Strandpromenade am Marine Drive und die Freiluftwäscherei Dhobi Ghat. Dort stehen Slumbewohner mit bloßen Beinen in ätzender Lauge. Für Europäer die Apokalypse, für Inder eine Existenz, wie „Bombay Diaries“ ganz selbstverständlich zeigt. Gunda Bartels

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