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Julian Hanich
Halt mich fest. „Putty Hill“ erzählt von einer trostlosen urbanen Welt. Foto: Arsenal
Halt mich fest. „Putty Hill“ erzählt von einer trostlosen urbanen Welt. Foto: Arsenal

FILM

Amerika, du hast es schlechter:

„Putty Hill“ von Matt Porterfield

Ein unaufgeräumtes Zimmer, an der Wand ein Sonnenfleck, der langsam mit der Dämmerung verschwindet. Hier hat Cody gewohnt. Vor einer Woche ist er verblichen, dahingerafft von einer Überdosis Heroin. Wer war dieser Cody? Wieso starb er mit Mitte 20? Hat sein Tod eine Leerstelle hinterlassen im Leben seiner Familie und Freunde in Baltimore, der Stadt des Niedergangs an der Ostküste des krisengeplagten Amerikas? Cody ist der große Abwesende, ein Phantom, das die Fragmente dieses fragilen Films zusammenhält (fsk am Oranienplatz, OmU). In den Tagen um seine Beerdigung herum zeigt uns Regisseur Matt Porterfield die ausgefransten Ränder von Codys Welt. Den Wald am Stadtrand, in dem ein paar Jungs Paintball spielen. Den See, an dem gelangweilte Teenager baden und Drogen rauchen. Den Skaterpark, in dem Cody mit seinen Kumpels abhing. Einen Tätowierer bei der Arbeit. Eine Trauerfeier in einer Bar, bei der die Gäste schauriges Karaoke singen.

„Wäre es schlimm, wenn ich nicht weine?“, fragt Codys Schwester einmal. Rekonstruktion eines verpfuschten Lebens: Der Film macht es einem nicht leicht. Porterfield, der vor fünf Jahren mit „Hamilton“ debütierte, will die Figuren in „Putty Hill“ nicht in Formeln pressen. Bei den Dreharbeiten wurde viel improvisiert, die Dialoge konnten sich frei entspinnen. Vieles bleibt vage: Manchmal liegt ein Rauschen auf der Tonspur, mitunter dröhnt der Originalton. Mehrmals wechselt die Kamera unvermittelt den Standpunkt, aus der Beobachterperspektive zu dem eines unsichtbaren Interviewers, der hinter der Kamera plötzlich Fragen zu stellen beginnt.

Zudem bleibt sie oft auf Abstand, präsentiert die Figuren nur in Totalen. Auch bei einer aufwühlenden Szene zwischen einem Vater und seiner Tochter, die sich vernachlässigt fühlt und ihm ihr Unverstandensein wütend entgegenschleudert. Es geht dem Regisseur nicht um Nähe und Mitleid, sondern um Milieu-Skizzen aus der weißen Unterschicht Amerikas.

Die Realismuseffekte lassen den Film mal wie ein Homemovie, mal wie einen Experimentalfilm, mal wie eine Dokumentation aussehen. Amerikanisches Indie-Kino: Das klingt heute vor allem nach schrulligen Geschichten über Kauze und andere Außenseiter in der Provinz. In nur 12 Drehtagen ist Matt Porterfield etwas ganz anderes gelungen: eine faszinierende Spurensuche in einer trostlosen urbanen Welt. Julian Hanich

KLASSIK

Bittersüß: Dvoráks „Geisterbraut“ mit der Berliner Cappella

Sie hat's ja wirklich schlimm getroffen: Vater tot, Mutter auch, Bruder im Krieg gefallen, Geliebter in die Fremde gezogen und bis heute nicht wiedergekommen. Keine Wunder, dass das namenlose junge Mädchen aus Dvoráks Chorballade „Die Geisterbraut“ alles ergreift, was sie vor dem Ertrinken rettet, und dem Fantom ihres längst gestorbenen Bräutigams in die Nacht folgt.

Dvorák hat das wunderbar farbig instrumentiert, mit Blech, Pauken und tiefen Streichern für die Naturgewalten und einem lieblichen, aber trügerischen Flötensolo für den Geliebten. Jetzt hat sich die Berliner Cappella zur Saisoneröffnung im UdK-Konzertsaal an der Hardenbergstraße des selten gespielten Werks angenommen. Der Laienchor meistert die Partien mit schönem, homogenem, allerdings etwas bravem Klang, wobei die Frauen präsenter und aufgeweckter agieren als die Männer. Dirigentin Kerstin Behnke kitzelt den nötigen Grusel aus den Brandenburger Symphonikern heraus, nur das Blech muss sich erst warmspielen. Schwachpunkt der Aufführung sind die Solisten. Gesa Hoppe als Mädchen und der junge Berliner Bassbariton Rainer Scheerer haben Mühe, sich gegenüber Chor und Orchester zu profilieren. Scheerer sollte sich mehr zutrauen, er singt mit kleiner Stimme, verschwindet streckenweise völlig in den Klangwogen, und das, obwohl er als Erzähler tragende Funktion hat. Hoppes Sopran entfaltet nur dann kurzzeitig Glanz, wenn das Orchester minimal instrumentiert ist. Lichtblick der Aufführung ist der klare, warme Tenor von David Mulvenna, der als Geliebter so süßliche und falsche Versprechungen macht, dass ihm wohl jede junge Frau auf den Leim gehen würde. Udo Badelt

DICHTKUNST

Ein Krakauer in Paris: das Polnische

Institut würdigt Jan Brzekowski

Wer Jan Brzekowski noch nicht kennt, kann das jetzt im Polnischen Institut ändern (Burgstr. 27, bis 10. 11.; Di - Fr 10 - 18 Uhr). Gemeinsam mit der Sammlung Marzona zeigt es eine Kabinettausstellung zu Leben und Werk des 1903 geborenen Krakauer Dichters und Literaturtheoretikers. Die in Vitrinen platzierten Bücher und Zeitschriften zeugen von seiner Sympathie für „Konstruktion und Deformation“, wie er schrieb, allen voran in der kunsttheoretischen Schrift „Kilométrage de la peinture contemporaine 1908–1930“, deren Titel Hans Arp gestaltete.

Umringt wird Brzekowski von Werken seiner Weggefährten, die er in Paris traf: Zeichnungen, Aquarellen, Fotografien, darunter ein Entwurf Théo van Doesburgs für ein farbiges Glasfenster, ein Porträt von Unica Zürn im Atelier von Hans Bellmer und Sonia Delaunays Tintenzeichnung „Projet pour la boutique simultanée“. Wunderschön.

Zwei Wünsche lässt die Schau offen: mehr Stühle zur Betrachtung des surrealen Schwarz-Weiß-Films „A Woman and Circles“, der nach einem Drehbuch von Brzekowski realisiert wurde. Und wenigstens ein Gedicht, groß genug gedruckt, um es ohne Lupe lesen zu können, und mit deutscher Übersetzung. Denn was und wie Jan Brzekowski gedichtet hat, erfährt man in der Ausstellung nicht.Claudia Wahjudi

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