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KLASSIK

Zügelloser aufspielen: die Berliner Philharmoniker unter Juraj Valcuha

Das hat aber nicht so gut geklappt. Dieser Tage springt der sehr junge slowakische Dirigent Juraj Valcuha bei den Berliner Philharmonikern für den sehr alten Bernard Haitink ein, leider nur mit mäßigem Erfolg. Ein Problem liegt schon darin, dass die „Eroica“ sozusagen krankheitshalber durch Tschaikowskys Erste ersetzt wurde, ein Stück, dem Valcuha zwar Passagen mit viel Schmiss entlockt, gleich schon im ersten Satz, gegen dessen kitschverdächtiges Adagio aber (viele Streicher, doll gedämpft) er sich nicht richtig wehren kann, ebenso wenig wie gegen den Zirkuskapellenglanz in einigen Finalpartien und die dicke Weihnachtsseligkeit zum Schluss. Irgendwie geht ihm das Orchester durch wie ein Pferd.

Das kündigt sich früh an, schon in Webers „Euryanthe“-Ouvertüre, die bis auf das zackige Fugato in allem zu viel ist, zu lautdichtdurcheinander, trotz der ihr einkomponierten Transparenz. Vom Ur-Programm ist nur Sibelius’ Violinkonzert geblieben, für das Nikolaj Znaider helfend an Valcuhas Seite tritt. Hier muss man allerdings schon wieder jemand anderen beschimpfen, nämlich den Komponisten dafür, dass er das Orchester über weite Strecken zur Standby-Instanz herunterschreibt. Gut für Znaider, dessen Guarneri „del Gesù“ umso schöner aufleuchtet; sperrig ist dieser Part, Znaider spielt ihn gleichwohl bannend. Schlecht für die anderen – das Gesamt von Solo und Orchester tönt ganz am Ende sogar so furchtbar dumm, dass man sich ganz schnell etwas wünscht, um den Geschmack zu vergessen. Znaider spielt einen Suitensatz von Bach. Wo also soll man sich beschweren, bei Tschaikowsky oder Sibelius? Beim Orchester, das Valcuha höflich ins Messer laufen lässt? Vielleicht aber doch bei diesem selbst, weil seine extra ruhig-überlegene Art, diese Mischung aus Gescheitsein und gehemmtem Heraushalten, nicht das Richtige ist für einen solchen Abend, mit einem solchen Orchester. Christiane Tewinkel

KLASSIK

Mutiger dirigieren: Iván Fischers Debüt beim Konzerthausorchester

Dieser Mann traut sich was: Nicht nur gibt Iván Fischer in seinem ersten Konzert mit dem Konzerthausorchester, dessen Chefdirigent er ab 2012/13 ist, das Programm vorab nicht bekannt, es bleibt überraschend. Denn Fischer lässt Raritäten spielen und eine Neukomposition. Aber wenn er die Stücke mit wohlig-warmem Timbre in Habsburg-Deutsch anmoderiert, können die Konzertbesucher gar nicht anders, als ihm willig folgen. Die „verführerische Kraft“, die er Liszt attestiert, besitzt Fischer selber: ein akribischer Detailarbeiter, der bei aller Konzentration aufs Elementare die großen Linien nicht vergisst. Ob im Mephisto-Walzer, im „Blumine“-Satz aus der Frühfassung von Mahlers 2. Symphonie oder in Bruckners „Nullter“ Symphonie: Da herrschen klare Strukturen und Transparenz, und doch ist Atem, Herzschlag und -blut in der Musik: sauber und glockenhell das Blech, beseelt das Holz, gewaltig und erzen der Klang bei Bruckner. Problematisch das Solistenstück: Giovanni Sollima spielt sein Cellokonzert „Folktales“ (2009) clownesk und manisch wie Liszt, sein Werk aber ist ein Amalgam aus Volkstänzen, Minimal Music und Vivaldi-Zitaten, das zwischen Virtuosität und Klischee stecken bleibt. Was soll’s, der Abend ist ein Riesenerfolg, und das Konzerthausorchester hat einen Chef für neue Höhenflüge. Udo Badelt

KINO

Schöner sterben in Hollywood: die Komödie „Kein Mittel gegen Liebe“

Marley schafft es auch an einem verkaterten Morgen, mit ihrem Strahlen die versammelten Altherren einer Kondomfirma von der weiblichen Sicht aufs Produkt zu überzeugen. Die Werbefrau (Kate Hudson) lebt in New Orleans mit Bulldogge Walter in einem pittoresken Apartment. Sie ist hübsch, löwenbemähnt und nymphoman – und in ihrer chronischen Gutgelauntheit hoffnungslos überdreht. So was geht selbst im Hollywoodkino nicht lange gut. Also bricht in Marleys Lockerleben eine Diagnose ein, mit der die junge Frau erst mal flapsig umgeht.

Dem Chef schreibt sie: „Ich habe Arschkrebs“ – im Endstadium. Wie hübsch, dass die Diagnoseprozedur ihr den mexikanischen Onkologen Julian Goldstein (Gael García Bernal ungewohnt proper) ins Leben spült. Allerdings weist er Marleys Annäherungsversuche erst mal ab. Das wird sich ändern: Denn Gren Wells’ Drehbuch für Nicole Kassells „Kein Mittel gegen Liebe“ (in zehn Kinos; OV Cinestar Sony Center), an dem unglaubliche acht Jahre gearbeitet worden sein soll, benutzt die Krankengeschichte nur als Vorwand, um die Heldin durch pädagogische Situationen von jugendlichem Leichtsinn bis zur Reife zu jagen. Dabei hat Whoopi Goldberg einen Auftritt als Schicksalsraunerin, und die Beziehungen zu Mom (Kathy Bates) und Dad (Treat Williams) werden gekittet.

Besonders verlogen an dieser Komödie: Auch den frühen Krebstod benutzt sie bloß zur Propaganda fürs Kleinfamilienglück. Da geht selbst ein Begräbnis als verkappte Hochzeit durch. Nur dass die Braut mit Whoopi auf der Wolke thront. Silvia Hallensleben

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