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KLASSIK (1)

Tausend Sonnen: Herbert Blomstedt und das DSO mit Bruckners Achter

Alles singt an diesem Nachmittag in der Philharmonie. Bruckners Achte um 16 Uhr? Bei aller Bläserwucht und Streicherverve: Selten hört man den 80-Minuten-Minuten-Koloss (in der Fassung von Robert Haas) so freundlich wie zu dieser sonnigen Stunde. Herbert Blomstedt, der 84-jährige Grandseigneur der Bruckner-Interpretation, hat vor exakt 20 Jahren bei seinem ersten Konzert mit dem DSO (damals noch Radio-Symphonie-Orchester) ebenfalls die Achte dirigiert. Nun legt er ihr ohne jede Eile seinen berühmten federnden Schritt zugrunde und rückt sie selbst im Scherzo eher an Wagners „Tristan“ als an die „Meistersinger“. Nicht die monumentale Architektur interessiert den Maestro (die hat er verinnerlicht), sondern das menschliche Maß. Nichts Schneidendes oder Schmerzliches hat sein Bruckner, umso mehr dringliche Sehnsucht nach Glück.

Schon der flimmernde, amorphe Anfang, bei Blomstedt ist’s kein erster Schöpfungstag, sondern ein aus der Ferne heranwehender Himmelsgesang. Er liebt die lyrischen Seitenthemen, das Sinnlich-Theatrale, nutzt die Dynamik, um den Klang im Raum hin- und herzubewegen. Hier regt sich ein riesiges, friedliches Tier. Blomstedt, der bekennende Christ, betont beim Katholiken Bruckner weniger die Gottesfurcht als das Naturreligiöse. Beim Dirigieren breitet er die Arme nach hinten aus und ergibt sich der Schönheit des breiten Klangflusses: Sie ist sein Meister, nicht umgekehrt. Seine hellwache Güte stiftet auch das hochkonzentrierte DSO zur Freigiebigkeit an, lässt sie ein Füllhorn an Melodien ausgießen. Den drei wuchtigen Abwärtsschritten zum Schluss des monumentalen Finales nehmen sie alles Knallige und verwandeln ihre Unerbittlichkeit in eine ergreifend entwaffnende Geste. Christiane Peitz

KLASSIK (2)

Schreien und stottern: 

Opern von Franz Schubert im HAU

Schubert, das sind die Lieder, die Symphonien, die Sonaten. Als Dramatiker und Opernkomponist konnte er sich nicht durchsetzen, seine fast zwanzig Singspiele wurden und werden wegen der schwachen Libretti so gut wie nie aufgeführt. Jetzt nehmen Studierende der Berliner Musikhochschulen im Rahmen der K.O.-Reihe das, was sowieso keine geschlossene Form findet, noch weiter auseinander.

Im HAU 2 führen sie drei Singspiele auf „... meine Ruh’ ist hin“ heißt der Abend (noch einmal am heutigen Montag, 20 Uhr). Ein Goethe-Zitat, bei dem man eher Wilhelm Müller erwartet hätte, aber es passt: Ruhe findet das Publikum nicht. „Die Verschworenen“ (Regie: Margita Zalite) bringt die alte Lysistrata-Geschichte von den Frauen, die sich um des Friedens willen ihren Männern verweigern, mit starken Bildern und archaischer Urgewalt auf die Bühne, Dutzende von Fässern sind Phallus- und Vaginasymbol zugleich, es wird geschrien und gestottert, Sex als Macht- und Unterdrückungsapparat.

Bei „Vierjährige Posten“ (Tamara Heimbrock) muss das Publikum umziehen, die Zuschauerreihen werden zur Bühne. Heimbrock bleibt am dichtesten dran an Schubert, liefert dabei aber die konventionellste und schwächste der drei Inszenierungen, herausragend allerdings Sopranistin Anna Schoeck als Käthchen. Bei „Die Zwillingsbrüder“ verfährt Regisseurin Sina Schecker völlig anders: Sie nimmt das ursprüngliche Stück nur als Ausgangspunkt, um eine völlig andere Geschichte zu erzählen, in der Schuberts Lieder aus der „Schönen Müllerin“ und der „Winterreise“ die größte Rolle spielen. Auf seine Weise auch ein Kommentar zur Qualität der Singspiele. Udo Badelt

KLASSIK (3)

Liszt, intim: Barenboim-Zyklus im Schiller Theater

Seit Jahren macht der Staatsopernchefmusikus Daniel Barenboim auch die Staatsopernkammermusik selbst. Zur Eröffnung seines „Barenboim-Zyklus“ im Schiller Theater hat er sich mit Dorothea Röschmann und Jonas Kaufmann gleich die erste Garde der international erfolgreichen Sängerschar auf die Interimsbühne geladen. Zum 200. gibt es ausschließlich Liszt, und der wirkt auf dem hochgefahrenen Orchestergraben erstaunlich intim. Man hat den Eindruck, Barenboim habe ins Wohnzimmer gebeten: rundherum Stühle, rundherum aufmerksame Neugierde, das Haus ist ausverkauft.

Kein Wunder, Rösch- und Kaufmann sind unstreitig: Sie verstehen Handwerk und Kunst. Auch wenn die Sopranistin ihre zuweilen allzu opernhafte Dramatik dominieren lässt. Kaufmann ist für den erkrankten Thomas Quasthoff eingesprungen und gestaltet die höchst unterschiedlichen Partien bravourös zwischen Parlando und Schmachtschmelz – das ist beim Kunstlied gerade für sogenannte Stars eine echte Herausforderung. Trotzdem bleibt die Heldenrolle Franz Liszt selbst vorbehalten, dessen unbekanntes Liedgut sowohl dramaturgisch als auch kompositorisch erlesen ist. Mit welcher Originalität gern unterschätzter Komponist an die Textvertonung ging!

Verdiente Bravi auch für den Pianisten Barenboim: Mag er vielleicht nicht als der größte Techniker gelten, ist er doch ein begnadeter Musikarchäologe, der mit bescheidener Geste Großes auslesen kann. Und daraus ersteht ja die Kunst: dass einer die Musik versteht und verständlich zu machen weiß. Christian Schmidt

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