KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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KLASSIK

Der Pultmeister: Gedenkkonzert

für Kurt Sanderling

Längst hat es zum Konzertbeginn geklingelt, das Orchester hat auf dem Podium Platz genommen, doch immer noch strömt das Publikum. Am freien Eintritt und der freien Platzwahl kann es nicht liegen, das führt eher zu mörderischem Gedränge; doch auch hier müssen nun viele mit unbequemen Stehplätzen vorliebnehmen. Ein Gedenkkonzert für Kurt Sanderling hat seine besondere Anziehungskraft, weckt weit zurückreichende Erinnerungen. Viele Besucher dürften den großen Dirigenten noch selbst erlebt haben, der von 1960 bis 1977 dem Berliner Sinfonie-Orchester – heute Konzerthausorchester – vorstand. Auch sein Abschiedskonzert gab der Neunzigjährige vor neun Jahren am Pult des BSO.

Ein Gedenkkonzert für den großen Künstler und Humanisten, der sich selbst in die Tradition eines Otto Klemperer, Erich Leinsdorf oder Ferdinand Leitner stellte, kann gar nicht anders als familiär sein, denn alle seine drei Söhne sind in seine Fußstapfen getreten. „Jetzt habe ich gar keinen Sohn mehr, der nicht dirigiert“, war sein lakonischer Kommentar zum Debüt des jüngsten Sohnes Michael vor elf Jahren, berichtet Burghard Hilse vom Orchestervorstand. Und in solcher Weitergabe seines dirigentischen Credos, einer transparenten Klarheit und eines beseelten Klangs, spiegelt es auch die Unverwechselbarkeit des Geehrten.

Als „altersmild und alterswild zugleich“ beschreibt Elmar Weingarten die Spätphase Sanderlings. Und so schwingen die Streicher in Mozarts „Maurischer Trauermusik“ unter der Stabführung des ältesten Sohnes Thomas weich und homogen, von schluchzenden und seufzenden Akzenten der Bläser aufgestört. Dem Dirigat merkt man die große Erfahrung mit Werken Georg Friedrich Händels an, die ja auch Mozarts Spätwerk beeinflussten. So friedlich-weihevoll aber kann es in Beethovens Klavierkonzert Es-Dur nicht zugehen. Es war ein besonderes Anliegen Daniel Barenboims, hier den Solopart zu spielen – und er tut es mit energiegeladenem Zugriff, der sich in harten Akzenten entladen und sogar mit heftigem Pedaltritt fortsetzen kann. Eher freudig-schwungvoll fängt Michael Sanderling solche Attacken ab, leitet in entspannteres Musizieren über. Und schön zu erleben, wie sich die beiden unterschiedlichen Temperamente im Lyrischen treffen – vor allem im innigen „Adagio“, dem Barenboim atemberaubende Trillerketten entsteigen lässt. Isabel Herzfeld

KUNST

Der Traumarchitekt: Do Ho Suh

aus Korea in der daadgalerie

Der Flur im Flur im Flur. Drei Korridore seiner Berliner Wohnung in der Charlottenburger Wielandstraße hat der südkoreanische Künstler Do Ho Suh zu einem einzigen Raum verdichtet. Vor zwei Jahren war er Gast des DAAD. Für „Wielandstr. 18, 12159 Berlin“ (bis 15. Oktober, daadgalerie Zimmerstr. 90/91, 10117 Berlin Mo–Sa 11–18 Uhr) hat er mit Draht und grüner Gaze die Wände, Kassettentüren, Riegel, Ketten und Gegensprechanlagen nachgebildet. Der Altbau aus der Gründerzeit ist wiederzuerkennen. Doch die Absperrmechanismen werden aufgehoben durch den transparenten grünen Stoff. Do Ho Suh interpretiert den Flur zum verbindenden Bereich zwischen Innen und Außen um, zur Brücke zwischen den Räumen. Ähnlich verfährt er mit den Luftkorridoren. Weil er zwischen Seoul und New York pendelt, erträumt er sich ein perfektes Haus zwischen den weit auseinanderstrebenden Kontinenten. Vier Brücken erleichtern den Weg zur Arbeit, überwinden die 11 000 Kilometer über Japan und den Pazifik. Lebende Mechanismen will Do Ho Suh zu Bioblasen zusammenspannen, Unterwasserkapseln an Drahtseilen durch den Ozean ziehen oder auch stoßdämpfendes Material zu Flößen verbinden. Alle Wissenschaften sind beteiligt an der Utopie, die weit über die geografische Überbrückung hinausweist. Entfernung, und sei es die größte, deutet Do Ho Suh einfach zur Verbindung um. Simone Reber

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