KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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KLASSIK

Innere Unruhe: Simone Young

in der Komischen Oper

Wenn man als Opernorchestrist jeden Abend im Graben sitzen muss, wirkt es wie eine Befreiung, endlich auch mal auf der Bühne spielen und ganz im Mittelpunkt des Publikumsinteresses stehen zu dürfen. Seit ihrer Gründung wird in der Komischen Oper Wert darauf gelegt, dass sich das Hausorchester am sinfonischen Schaffen schult, acht Konzerte gibt es in dieser Saison. Als erste ist Simone Young zu Gast, die gefeierte Intendantin und Generalmusikdirektorin der Hamburger Philharmoniker.

In der Behrenstraße ist es nicht leicht, ihr zuzusehen. Sie scheint beide Hände voll damit zu tun zu haben, die Metrik im Zaume zu halten; für Atmosphärisches, Dynamisches bleibt wenig Platz. Selbst solistische Dreiertakte mit durchgehaltenen Tönen werden da eisern durchgezirkelt, als gelte es, ein Schlaginstrument zu traktieren. Das Ergebnis ist bei Janámeks „Spielmann“-Ballade ebenso traurig wie bei Bartóks „Konzert für Orchester“ – der Musik wohnt eine unangenehme Gehetztheit inne. Die innere Unruhe und Abgehacktheit zerstört auch die letzten Binnenbezüge. Seltsam auch, dass am Konzertmeister- und ersten Bratschenpult keine eigenen Leute sitzen. Denn das Orchester macht seine Sache ziemlich gut, ist hellwach und alles andere als getrieben.

Sebastian Knauer dagegen spielt Beethovens zweites Klavierkonzert ebenso aufdringlich süßlich wie die völlig unpassende Bachzugabe fürs CD-Marketing im Foyer. Stilistisch verharrt sein Spiel in den achtziger Jahren, als Bachs sentimenalte „Air“ den vermeintlichen Höhepunkt „der Klassik“ darstellte. Selbst Durchgänge bleiben da im Pedal kleben, das macht keinen Spaß. Aber wenigstens versetzt Knauers arger Kitsch das Publikum ins Schwelgen. Christian Schmidt

KLASSIK

Flirrende Verflüssigung: Uri Caine

mit dem Konzerthausorchester

In der Architektur war es bis ins 20. Jahrhundert das Selbstverständlichste der Welt: Weiterbauen statt Abriss, organisches Entwickeln im Bestand. Der Amerikaner Uri Caine wendet das Prinzip schon lange auch in der Musik an. Seine Bearbeitungen der Klassiker gleichen historischen Gebäuden, sie sind eine ganz eigene Form des Crossover. Die Zeitebenen nehmen intelligent aufeinander Bezug.

Das demonstriert er jetzt mit dem Konzerthausorchester am Klavier: Eine Händel-Aria und ihre fünf Variationen, von Brahms bereits erweitert, von Caine noch einmal variiert und zum Halbstünder ausgebaut. Teils schreibt er die Brahmschen Motive weiter, teils deutet er sie in Jazz um. In den Soli entwickelt Caine dabei einen markanten, wütenden Anschlag. Unter seinen Händen scheinen alle Partituren in Schwingung zu geraten, sich zu verflüssigen. Verflüssigung dann auch bei John Adams: Dessen „Shaker Loops“ zittert vor Emotionen. Die gibt es sowieso reichlich in Gershwins „Porgy and Bess“- Suite. Drei völlig unterschiedliche Amerikaner an einem Abend im Konzerthaus – die Stimmung im Saal bleibt trotzdem lauwarm. An dem Dirigat von Konzerthausorchester-Debütant Carlo Tenan kann es nicht liegen. Die Klänge fließen, vor allem bei Gershwin, flirrend, funkelnd, weltumarmend,auch wenn dem Blech der letzte Swing fehlt. Udo Badelt

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