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KLASSIK

Traumtanz: Daniel Barenboim spielt

Schubert im Schillertheater

Ein Kranz von Podiumsplätzen, der das Instrument umgibt, erzeugt im vollbesetzten Schillertheater eine Atmosphäre der Intimität, wie geschaffen, um Schubert zu spielen. Sie ruft den kleinen privaten Geselligkeitsbereich in Erinnerung, der dem „scheuen Franz“ meist zur Verfügung stand, den Freundeskreis.

Daniel Barenboim lädt also zu einer „Schubertiade“ ein, der zwei weitere in dieser Saison folgen sollen. So zeigt sich der musikalische Herrscher zweier großer Opernhäuser in Berlin und Mailand (Letzteres seit Donnerstag auch in offizieller Funktion) als Interpret von Werken für Klavier solo. Den Generalmusikdirektor der Staatsoper umgibt hier auf der Bühne eine Aura des Einsamen in einem Zirkel von Fans. Wie teilt er wohl seine Zeit zwischen Ämtern und Dirigaten ein, um immer wieder solistisch derart Anspruchsvolles vorzubereiten?

Später Schubert steht auf dem Programm, zunächst die „Vier Impromptus“ D 935 (Opus 142), die nicht allein Robert Schumann als Sätze einer Sonate verstand, wofür die innere romantische Einheit spricht. Es mag virtuosere Pianisten geben als Barenboim, aber seine Interpretation einfacher Thematik, harmonischer Dunkelheit ist so erfüllt, dass sie alles Geistige des Inhalts erfasst. Die Variationen über ein Thema aus „Rosamunde“ stellen sich als eine spannende Folge musikalischer Charaktere dar, mit Struktur und differenzierter Dynamik in jeder tanzenden Achtelbewegung.

Nach dem A-Dur-Werk opus posthum aus der Trias der großen letzten Sonaten wird der Pianist mit Standing Ovations gefeiert. Die konzentrierte Leichtigkeit, mit der er das liedhafte Seitenthema des ersten Satzes erreicht und erfühlt, wird durch das geheimnisvoll sparsame Andantino überboten, Inspiration einer geringstimmigen Träumerei. Das ist ganz Barenboims Stück, allen Ausdrucks voll. Im Finale dann die thematische Substanz, die, von atemlosen Pausen unterbrochen, nicht zu Ende kommen will. Oder wie Ernst Bloch sagt, „gar nicht aufhören kann, zu bleiben und zu schenken“. Sybill Mahlke

KINDERTHEATER

Murmelspiel: Lieder aus 25 Jahren Atze Musiktheater

Drei Männer, die sich lange Nasen aufgesetzt haben, blödeln auf der Bühne herum. Einer von ihnen trägt Sombrero und Gitarre, ein anderer eine Schirmmütze mit Schottenmuster, der dritte hat sich einen Fastnachtshut aufgesetzt. Der Mann mit dem Sombrero kommt ans Mikrofon, hält die Hand dem Publikum entgegen, als würde er zwischen Zeigefinger und Daumen einen sehr kleinen Gegenstand halten, und sagt mit näselnder Stimme: „So, jetzt wollen wir alle mal so leise sein, dass man das hören würde, wenn eine Stecknadel auf den Boden fällt.“ Er öffnet die Finger. Eine imaginäre Nadel fällt und der Saal, der wenige Sekunden zuvor noch brodelte, wird mit einem Mal still.

Mit der Premiere von „Atze rockt – Lieder aus 25 Jahren“ (nächste Termine: 19.10., 10.30 Uhr, 23.10., 16 Uhr), feiert das Weddinger Atze Kinder- und Jugendmusiktheater sein 25-jähriges Bestehen. Thomas Sutter, Mitbegründer und Intendant, erinnert äußerlich stark an Phil Collins, wenn er den Sombrero ablegt. Er kündigt das Lied an, mit dem im Atze-Theater alles begann. Es geht ums Murmelnspielen. „Willste se mir klauen, dann tu ick dir verhauen“, heißt es da.

Wenn Gitarrist Thomas Lotz ein Solo hinlegt und Sutter dazu Luftgitarre spielt, wird deutlich spürbar, dass das Atze ein Kind der achtziger Jahre ist und die Band sich in solchen Momenten in ihrem Element befindet. Doch das Ensemble hat weit mehr zu bieten als Eighties Rock. Keyboards, Oboe, Saxofon und vier Streicher erweiterten die Urbesetzung. Zwei Sängerinnen flankieren Sutter am Mikrofon. Flamenco, Afro-Pop, Balladen und Jazz untermalen die Liedtexte, die von ganz alltägliche Dingen handeln, wie dem Ärger mit anderen Kindern auf dem Spielplatz, Großstadt-Stress und Verliebtsein.

Man nimmt Sutter die Atze, den großen Bruder ab. Er begleitet und beschützt mit seinen Liedern, lebt Gefühle glaubhaft vor, macht sie pantomimisch sichtbar. Manchmal gibt er in seinen von Hosenträgern gehaltenen Beinkleidern den Clown, aber ohne dabei albern zu wirken. Er nimmt die Kinder ernst und das kommt bei denen gut an. Bei der lautstark geforderten Zugabe steht Sutter alleine am Mikrofon und singt: „Oma Nolte – kam und holte“. Und aus dem Saal schallt es zurück: „einen wibbelwabbelwobbelwumm!“ Und man hat das Gefühl, dass an diesem Abend im Publikum viele sitzen, die mit dem Atze Kinder- und Jugendmusiktheater erwachsen geworden sind. Michael Götting

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