KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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ROCK

Schamanen im Stahlkessel:

Melvins in der Volksbühne

Ist es Zeitverschwendung, zu einem Melvins-Konzert zu gehen? Es gälte Texte fertig zu machen, Verwandte anzurufen, fundierte Haltungen zum Bestehenden zu entwickeln. Während diese Band, bei der Kurt Cobain einst beim Gitarrenvorspiel durchfiel, seit über 25 Jahren prinzipiell dasselbe spielt. Abgesehen von der Hardware-Erweiterung, die sie vor fünf Jahren vorgenommen hat.

Ist es Schlagzeugerverschwendung, zwei Drummer nebeneinander zu setzen, die noch dazu weitgehend dasselbe spielen? Dale Crover und Coady Willis geben, in Ritterlaibchen gekleidet, mal präzise drauflos knüppelnd, mal synchron mit den Stöckchen klappernd, eine herrlich angeschwulte Zwittererscheinung.

Ist es Zeilenverschwendung, über ein Melvins-Konzert zu schreiben? Die Band gibt ja, so weit bekannt, keine schlechten Konzerte. Ist es Geräuschverschwendung, wenn sich der vielköpfig verknotete Noiserock im Großen Saal der Volksbühne verscheppert wie in einem Stahlkessel? Ist es Shampooverschwendung, wenn Buzz Osborne mit der aufregenden Rockröhre und dem sämigen Gitarrensound noch immer seine voluminöse Tentakelfrisur durch die Gegend wippt? Ist es Stromverschwendung, wenn die Scheinwerferbatterien hinter der Band immer wieder auf Blendstärke hochgefahren werden?

Ist es Zeitverschwendung? Spätestens dann nicht mehr, als Bassist Jarred Warren einen Notenständer ohne Noten hereingetragen bekommt, sich in unverständliche Schamanengesänge steigert und schließlich mit wedelnden Händen und aufgerissenen Augen rückwärts tapsend verschwindet. Was sind die Melvins? Ein Gag, der nicht schlechter wird, je öfter man ihn erzählt? Vor allem: Energie, die länger hält als alle, die von ihr zehrten, weil sie sich der Gerinnung widersetzt. Kolja Reichert

KUNST

Dein Nachbar, das Tier:

Projekt im Haus am Waldsee

Noch ist der Waschbär nicht eingezogen. Dabei sieht der bauchige Weidenkorb, den die beiden Künstlerinnen Susanna Hertrich und Michiko Nitta wie ein großes Schwalbennest an das Haus am Waldsee geheftet haben, gemütlich aus. Eine schmale Stiege führt nach oben, damit kein Feind den Bärenschlaf stören kann. Für das Projekt „Berliner Wildes Leben“, das vom Festival Überlebenskunst gefördert wurde, richteten Susanna Hertrich und Michiko Nitta im Garten des Hauses am Waldsee drei Wohnbereiche für Tiere ein (bis 20. November, Argentinische Allee 30, Di-So 11 bis 18 Uhr). Wenn wilde Tiere schon die Nachbarschaft des Menschen suchen, wenn Füchse durch die Straßen schnüren und Wildschweine den Müll kontrollieren – warum die Tiere dann nicht integrieren ins urbane Leben und sie wie ganz normale Bürger behandeln? Das fragen die Künstlerinnen, freilich mit einem Augenzwinkern. Fische etwa können sich in einem Spa von der Hektik des Waldsees erholen. Für die Krähen steht ein Rastplatz mit Knabbergebäck bereit, der aussieht wie ein verkümmerter Weihnachtsbaum. Eigentlich sollen die Vögel als Guerilla-Gärtner das Saatgut aus den Kringeln verteilen. Im herbstlichen Garten gibt es allerdings keine Anzeichen, dass die Krähen auch den Job machen. Besser gefällt ihnen wohl ihr Berliner Wildes Leben. Simone Reber

KLASSIK

Anfänger mit Erfahrung:

Sado dirigiert das DSO

Kurios, dass der 50-jährige japanische Dirigent Yutaka Sado als eine Art Anfänger vorgestellt wird. Erst neulich habe Sado sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern und dem Bayerischen Staatsorchester gegeben, steht im Programmheft zum Konzert mit dem Deutschen Symphonie Orchester, er sei lange Jahre Assistent von Bernstein und Ozawa gewesen und so weiter und so fort. Sonderbare Angaben, wenn man sieht, mit welcher Coolness Sado am Pult steht, welche Erfahrung aus seinem Dirigat spricht.

Sado setzt das DSO von Anfang an unter Hochspannung, zieht, rafft und kontrolliert. Ansonsten aber stört er das Orchester nicht, sondern lässt es spielen – bis zum Maximum an Unordnung im Allegro con brio von Beethovens Siebter, das rauschhaft vorüberzieht wie die Kantinengesänge lange nach Ende eines gut verlaufenen Konzerts. Sado kann es sich leisten, zumal nach der Kandare, die er dem DSO im ersten Symphoniesatz angelegt hat, erst recht nach dem Allegretto an zweiter Stelle, diesem Wunder an Verwunschenheit, das den ausverkauften Saal ganz stille werden lässt.

Fast mehr noch beeindruckt Rachmaninoffs Rhapsodie über ein Thema von Paganini für Klavier und Orchester. Der junge bulgarische Pianist Evgeni Bozhanov, der vor einem Jahr spektakulär nicht Sieger des Warschauer Chopin-Wettbewerbs wurde, sitzt tief vor dem Flügel und spielt schräg im allerbesten Sinne, mit kristallenem Ton und virtuos bis zu jenem Grad, an dem Virtuosität vollkommen gleichgültig wird. Rachmaninoff kommt ihm mit seiner Kompositionsart entgegen, treibt sein eigenes Spiel mit dem kurzen Thema, zerstückt und zerpflückt es, lässt hier das Dies irae durch den Saal dröhnen und lädt dort die Klänge extra süßlich auf: Was für ein lebensvolles Stück! Allenfalls lässt es den Wunsch aufkommen, Bozhanov einmal mit etwas Vernünftigerem zu hören. Christiane Tewinkel

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