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POP

Im Klatschgewitter:

Annett Louisan im Tempodrom

Verwunderlich, was ein Berliner Stadtmagazin für das Konzert von Annett Louisan als „Dresscode“ vorgab: „Fetish, Naked und mit Handtasche“. Das Publikum im ausverkauften, bestuhlten Tempodrom ist dann auffallend unauffällig: gesetzt, gediegen, angegraut. Annett Louisan, die 2004 Furore machte mit einem hübschen Song, in dem sie als verführerische Lolita dem Jungen, der sich unsterblich in sie verliebt hatte, in luderiger Unschuld entgegenhaucht, sie wolle doch nur spielen, dieses blondierte Früchtchen von einst wirkt heute gereifter. Ganz in Schwarz, von den Haar- bis in die hohen Highheel-Spitzen, singt sie: „In meiner Mitte, da wo ich bei mir bin.“ Immer noch hauchig rauchzart, doch nicht mehr so kleinmädchenhaft, was der 34-jährigen Sängerin guttut. Wie auch die Songs vom neuen Album, die ihr der brillante Berliner Singer-Songwriter Danny Dziuk mit feinen Texten, leisem Humor, tollen Melodien und viel Gefühl komponiert hat. Die lustig zackige Polka „Pärchenallergie“ wird vom schlagerbeseelten Publikum fröhlich zerklatscht, wie dann auch all die anderen Lieder, die etwas flotter daherkommen, mit lateinamerikanischen Rhythmen, karibischem Steel-Drum-Calypso oder rasantem Motown-Feel.

Immer buffig auf den ersten Taktschlag gepatscht. Und auch da noch daneben, dass es ein Durcheinandergeklatsche wird, und man die Musiker an Gitarre, Bass, Schlagzeug, Keyboards, Cello, Akkordeon bewundern muss: wie sie die Ruhe bewahren und dabei sehr lässig swingen. Wie auch die Louisan zwischen allen anderen Unsicherheiten stimmlich immer gefestigt und intonationssicher bleibt. Wobei sie den stärksten Ausdruck den herausragenden Danny-Dziuk-Balladen verleiht: „Allein und beisammen“ und „Würdest Du?“. Gegen Ende gibt sie dann doch noch mal das Luder: „Ich will doch nur spielen, uhuuh…“ H.P. Daniels

KUNST

Die Bomben von Guernica:

Thomas Zipp bei Heiner Bastian

Ausgerechnet an dieses Werk wagt er sich heran. Der deutsche Künstler Thomas Zipp hat Picassos „Guernica“ übermalt, jenes berühmte Monumentalgemälde von 1937, in dem der Großmeister der Moderne die Schrecken der Zerstörung im Spanischen Bürgerkrieg festgehalten hat, den deutschen Luftangriff auf die baskische Stadt Guernica. Zipps Version mit dem langen Titel „Achtung!: solarized deterritorialization. Insanity against protestantism (England attacked by the Americas)“ zeigt Kunstsammler Heiner Bastian in seinen Ausstellungsräumen (Am Kupfergraben 10, bis 28.1., Do+Fr 11-17 Uhr, Sa 11-16 Uhr).

In der originalgroßen Siebdruck-Reproduktion hat der Künstler die verzweifelten Figuren als graue Schatten stehen lassen. Details verschwinden hinter braunroten Blasenformen. Sie sehen aus wie verkrustete Blutstropfen. Warum nimmt der 1966 geborene Künstler und Professor der Universität der Künste dem Bild seine Grausamkeit? Weil es ihm immer um die Abbildung des Unbewussten geht. Das Brutale findet er in den Tiefen der Psyche, nicht im konkreten Ereignis. Das Fridericianum in Kassel verwandelte er im vergangenen Jahr in eine Psychiatrie. Hier schreibt er Zitate zu Deleuzes „Anti-Ödipus“ auf die Leinwand, Neonröhrenlampen strahlen kahl, und die sphärischen Orgelklänge einer Videoprojektion im Nachbarraum über eine rituelle Performance kriechen über den Gehörgang in die Knochen. Zipp braucht das Wissen des Besuchers um Picassos Bildergewalt, um seinen eigenen Sog zu entwickeln. Anna Pataczek

KLANGKUNST

Die Amseln von Tschernobyl:

Peter Cusack in der DAAD-Galerie

Ein ächzendes Geräusch, zyklisch, schleifend, darüber sonore Metallklänge. Das Publikum schließt die Augen, um sich in das polyrhythmische Hörbeispiel zu vertiefen. Dann ein Bild zur Auflösung: Wir befinden uns zwischen gigantischen Pumpen auf einem Ölfeld in Aserbaidschan, einem verseuchten Stück Land. „Leute, die nicht wissen, was sie da hören, halten es oft für Musik“ erzählt Peter Cusack. Er versteht sich weder als Künstler noch als Journalist. Aber er ist beides, auf unkonventionelle Art. Er dokumentiert geopolitisch gefährliche Orte klanglich.

In der Klangkunst des studierten Biochemikers und Komponisten steckt ein Stück Realitätsergründung, wie sie weder Wort noch Bild erfassen können. So vermitteln sich übers Ohr Atmosphäre und Vorstellung von Raum und Zeit. Dieser Klangjournalismus entzieht sich jedem Klischee. Beispiel: Amseln, Grillen, ein Kuckuck, ein Specht, ein Lüftchen weht durch die Gräser – wir sind in der Sperrzone von Tschernobyl.

In seinen Installationen kombiniert Cusack meist Klang, Bild und Text. „Weg mit den Bildern!“, empfehlen Stimmen aus dem Publikum. Ein knappes Jahr wird Cusack nun als Gast des Berliner DAAD-Künstlerprogramms durch Berlin und Umgebung streifen, auf der Suche nach klingender Gefahr. Barbara Eckle

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