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Roman Rhode

JAZZ

In der Geisterbahn der Schallwellen: Nils Petter Molvaer im Postbahnhof

Weg vom Jazz: Nils Petter Molvaer lässt es auf seinem neuen Album „Baboon Moon“ richtig krachen. Dafür sorgen allein die Mitstreiter des norwegischen Trompeters: Gitarrist Stian Westerhus spielt in der Postrockformation Jaga Jazzist, Drummer Erland Dahlen in der Psychobluesband Madrugada. Im gut gefüllten, bestuhlten Postbahnhof feiert das Trio vor einer projizierten Feuerwand eine Noise-Orgie. Elektronisch verzerrte Soundpartikel rasen durch den Saal und durchschlagen wie Meteoriten das Trommelfell der Zuhörer. Dahlens Percussion-Altar bildet das Gravitationszentrum, Westerhus' schmerzlich verfremdete Gitarre und Molvaers elegische Trompete umkreisen es weiträumig. Willkommen in der Geisterbahn der Schallwellen! Doch zwischen den Dissonanzgewittern klart sich der akustische Himmel immer mal wieder auf. Der Drummer greift zur singenden Säge, Westerhus streicht mit dem Bogen über seine grollende Gitarre, Molvaer zeigt sein Gespür für traumhaft melodische Klangräume. In diesen Atempausen kommt Bewegung in die Stuhlreihen, einige Besucher verlassen den Saal, leere Bierflaschen kullern über den Boden. Applaus gibt es erst am Ende der anderthalbstündigen Session, nach einem Trip durch entfesselten, düsteren Progrock. Versöhnung? Auch bei der Zugabe will die kühle Trompete nicht tröstender sein als ein verlorenes Nebelhorn. Roman Rhode

KLASSIK

In der Welt der Lauten und Saiten: Annette Dasch im Konzerthaus

„Du holde Kunst“ – welcher Sänger liebte es nicht, sie zu preisen! Schließlich ist es eines der bekanntesten Lieder Schuberts, und es bleibt kaum aus, dass ein guter Vortrag die Karriere des Singenden einschließt. Was ist also Außerordentliches dabei, wenn Annette Dasch mit diesem Lied ihr Recital in der neuen Konzerthaus-Reihe „Ein Abend mit ...“ beendet? Es geht darum, dass namhafte Sängerinnen und Sänger ihre Programme persönlich gestalten, ohne weitere Mitwirkende vorher zu verraten. Bei Dasch sind es zwei gute Musiker: Gitarrist Björn Colell, Spezialist historischer Aufführungspraxis, und der junge Pianist James Baillieu. Sie geben der Sängerin beredtes Geleit.

Das Besondere ihrer Auswahl aber besteht darin, dass sie das Lied mit der Überschrift „An die Musik“ thematisiert. In den Texten grüßen Lauten und Leiern, Melodien und Saiten und Lieder. Weber, Sor, Giuliani, Schubert. Und der (ausverkaufte) Kleine Saal ist der richtige Raum für ihre intime Kunst, ihre charmante, kluge Moderation. Gesanglich überwindet sie das Hemmnis einer Erkältung und schafft erstaunliche Konzentration, zumal die Lieder meist stiller Natur sind. So ist die Bayreuther Elsa der Neuenfels-Inszenierung hier Interpretin der kleinen Form mit eigenen Farben und Nuancen: Annette Dasch scheint selbst den Wundern der Musik zu lauschen, wenn sie berührend von einem alten Harfner singt oder mit Staunen in der Stimme erinnert, wie das klingt: „Ein süßer heiliger Akkord von dir.“ Sybill Mahlke

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