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KLASSIK

Letzte Dinge: Bundesjugendorchester mit Rattle in der Philharmonie

„Dem lieben Gott“ hat Anton Bruckner seine Neunte Symphonie gewidmet. Sie sollte die Summe seines forschenden Klangschaffens ziehen, jedoch nicht mehr zu seinem persönlichen Triumph. Der schwerkranke Komponist konnte das Werk nicht vollenden, was die Neunte in ein raunendes Mysterium verwandelte. Zuletzt fristete sie als vollendete „Unvollendete“ in drei Sätzen ein Dasein in Deutungsnebeln. Wie viel Licht sich in die monumentale Partitur bringen lässt, beweist Simon Rattle mit dem Bundesjugendorchester in der Philharmonie. Als deutsche Erstaufführung dirigiert er eine vervollständigte Aufführungsfassung, die den nur in Fragmenten überlieferten vierten Satz behutsam rekonstruiert und sich bis auf 37 verlorene Takte ganz auf Bruckner stützen kann.

Sein junges Orchester befreit Rattle mit Liebe und Sorgfalt von der Last der letzten Dinge. Bruckner atmet Weite, entfaltet sich in Zärtlichkeit, pulsiert kraftvoll. Damit er nicht unter Fortissimo-Wellenberge gerät oder an schroffen Motivblöcken zerschellt, hält sich Rattle mit einer Überschärfung des Klangs zurück. So erreicht das Ensemble aus Nachwuchsmusikern zwischen 14 und 19 Jahren ein bislang unerhörtes Finale: Bei allem, was da stürzt und hymnisch emporragt – hier ist kein klassisches Ende in Sicht, und Bruckners Neunte könnte sogleich von Neuem beginnen. Im Februar wird Rattle das Werk mit seinen Philharmonikern aufführen. Ulrich Amling

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Im Sturm erobert: Evelyn Glennie beim Konzerthausorchester

Evelyn Glennie betritt die Bühne in Stoppersocken, damit sie beim Hin- und Herflitzen zwischen fünf Schlagwerkstationen den Boden unter den Füßen nicht verliert. „Cosmodromion“ heißt das irrsinnig schwer zu spielende Stück für Schlagzeug und Orchester, das sie im Konzerthaus spielt. Die Schottin, die nur über 20 Prozent ihres Hörvermögens verfügt und sich beim Takthalten an den Vibrationen der Instrumente orientiert, pirscht sich mit jazzigem Schwung und klassischer Akkuratesse an Christian Josts stimmungsreiche Komposition heran, in der Xylophon, Trommel und „Electronic Drums“ zum Einsatz kommen. Mit Markus Poschner hat sie den perfekten Partner: Der frühere Kapellmeister der Komischen Oper und heutige Musikdirektor aus Bremen überzeugt mit dem Konzerthausorchester besonders in den dionysischen Passagen.

Dieser stürmerische Habitus kann aber auch zum Nachteil geraten: etwa bei Haydns Sinfonie Nr. 92, wo die langsamen Sätze etwas zu charakterlos und unambitioniert vorüberrauschen. Aber wehe, wenn Poschner auf ein Vivace trifft! Dann kommt es zu Forte-Eruptionen, während der Mann am Pult in die Knie geht, aufspringt, nach links tänzelt und nach rechts rückt, als ob er Haydns Stück leibhaftig steuern würde! Zum Schluss dann Johannes Brahms’ 4. Sinfonie: Hier dringt Poschner in ein romantisch-klassizistisches Seelenleben ein, das ihn (und diesen Abend) effektvoller nicht charakterisieren könnte. Tomasz Kurianowicz

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