KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

H. P. Daniels
Rapport 1428. Jürgen Mayer H. lässt rauf- und runterschlingeln. Foto: Ludger Paffrath
Rapport 1428. Jürgen Mayer H. lässt rauf- und runterschlingeln. Foto: Ludger Paffrath

POP

Vergnüglich krachend:

Roxette in der O2 World

„I’m gonna get dressed for success …“ singt Marie Fredriksson mit starker Stimme, während Per Gessle Kraftakkorde in eine rote Gibson- Gitarre schmettert. Die beiden Akteure vom schwedischen Duo Roxette müssen sich nichts Schrilles mehr anziehen um des Erfolges Willen. In der O2 World verzichten sie auf jegliches Tamtam, extravagante Bühnendeko, flimmernde Videowände. Sie setzen auf die Wirkung ihrer Musik, ihre Bühnenpräsenz. Und es funktioniert prächtig.

„Dressed For Success“ stammt vom zweiten Album „Look Sharp“ von 1988. Da waren Roxette auf dem besten Weg zum internationalen Erfolg. Die eingängigen Pop-Songs Gessles kombiniert mit Fredrikksons eindringlicher Stimme, sowie ein tanzbarer Disco-Sound im Zeitgeist der Achtziger und Neunziger bescherten Roxette unzählige Hits mit zig Millionen verkaufter Platten. Nach zehnjähriger Pause, sind sie nun wiedervereinigt auf Welttournee und spielen ihre großen Hits. „Sleeping In My Car“, „The Big L.“, „Wish I Could Fly“, „Dangerous“, „The Look“. Schlag auf Schlag. Gute zwei Stunden lang. Im Konzert klingen Roxette heute besser als auf den alten Konserven. Haben die Studioprodukte immer mehr nach synthetischen Computer-Sounds getönt als nach menschlichen Regungen, geben heute echte Musiker, die Spaß an der Sache haben, den Songs einen dichten Rocksound. Bis auf wenige Ausnahmen bauen Roxette vorwiegend auf knallige Gitarren. Christopher Lundqvist erinnert mit seiner Leadgitarre an David Gilmour, während Per Gessle soliden Rhythmus rockt. Wenn er zwischendurch auch den Gesang übernimmt, erinnert er ein wenig an die Stimme von Marc Bolan. Das ist auf jeden Fall besser als Dieter Bohlen. Überhaupt waren Roxette besser als erwartet. Vergnüglich. H. P. Daniels

THEATER

Schuldig verstrickt:

„Waisen“ auf der Vaganten-Bühne

Plötzlich gilt keine Wirklichkeit mehr. Der Mann mit dem blutigen Hemd zerstört die Idylle am Abendbrottisch. Verantwortung müsste übernommen, einem Niedergestochenen geholfen, die Polizei verständigt werden. Das junge Ehepaar und der Eindringling wissen, was von ihnen verlangt wird. Und können es, in familiären und gesellschaftlichen Zwängen gefangen, nicht tun. Dennis Kelly, preisgekrönter irischer Dramatiker, schleudert in seinem Stück „Waisen“ drei Menschen in eine Sprachlosigkeit, die durch Reden noch vertieft wird. Sie sterben innerlich ab, weil Schuld, Sühne, Verantwortung, Feigheit für sie immer undurchschaubarer werden. Sie leben in einem künstlichen Raum, der ihnen die Luft nimmt. Denn der Mann mit dem blutigen Hemd ist ein Messerstecher, vorbestraft, folternd aus Lust – aber eben auch der Bruder der Frau, einsam, auf Liebe angewiesen und nach Liebe gierend. Verrät man den Nächsten, um einem Unbekannten zu helfen? Das Wissen um Recht und Gerechtigkeit, was hilft es, wenn es das eigene Leben gefährdet? Aus dem Wust von Fragen, Lügen, Erfindungen finden die drei nicht mehr heraus. Schuld und Unschuld gehen untrennbar ineinander über. Eine Familie zerbricht in und an einer kranken Gesellschaft.

Die Wucht, mit der Dennis Kelly das erzählt, hat Regisseur Folke Braband bei den Berliner „Vaganten“ gemildert. Er setzt auf Ruhe, Überlegung, Pausen, will den Figuren nahekommen in ihren Entscheidungsnöten. Braband drängt Bosheit, Hass, Verzweiflung zurück. Dadurch verliert die Aufführung an Spannung. Die Darsteller machen ihre Sache gut, besonders Nikolaus Szentmiklosi als Schläger Liamt. Er zeigt ein Raubein voller Fantasie und unterdrückter Zärtlichkeit, einen Einsamen, der sich sein Leben mit überbordender Phantasie schön zu machen versucht. Nervös bringt Max Gertsch den Hausherrn Danny auf die Bühne, der dem Druck von außen nicht gewachsen ist. Greta Galisch de Palma gibt Helen, der Schwester des Messerstechers, Härte und Gespanntheit mit sparsamer Gestik. Sie hat den Mut, Verweigerungshaltung gegenüber allem Tatsächlichen bis zur Schmerzgrenze aufzubauen – das hat Konsequenz, lässt allerdings Verzweiflung und Unsicherheit kaum noch ahnen. (wieder: 2.-5. 11.). Christoph Funke

KUNST

Schön verwirrt: Jürgen Mayer H.

in der Berlinischen Galerie

Es fällt in die Rubrik der „kleinen Obsession“, was Jürgen Mayer H. in seinem Büro auslebt. Schon vor Jahren ist der Berliner Architekt jenen dichten, wirren Zeichen verfallen, mit denen Behörden wie Banken private Dokumente ummanteln, um sie vor unbefugten Blicken zu schützen. Seitdem hat der Wahnsinn der Verschlüsselung bei Mayer H. Methode: Die Zufallsmuster ziehen sich als wiederkehrendes Motiv durch seine vielfach ausgezeichnete Arbeit. Jüngstes Beispiel: die Ausstellung „Rapport. Experimentelle Raumstrukturen“ in der Berlinischen Galerie (Alte Jakobstr. 124–128, bis 9. 4.; Mi–Mo 10–18 Uhr). Sie zeigt mehrere architektonische Modelle des 46-Jährigen, die mittels Laser aus Kunststoff geschnitten sind. Weit mehr fällt ein gigantischer Teppich ins Auge, der einen Teil des Bodens bedeckt und an der Wand bis zehn Meter in die Höhe reicht. Das Ergebnis ist abstraktes allover in Schwarzweiß. Ein kontrastreiches Ornament, das angenehm die Sinne verwirrt, sobald man sich mitten in die Installation stellt.

Dank der Vergrößerung ins Riesenhafte wird aus dem alltäglichen Muster ein Modul, das Jürgen Mayer H. für seine Gebäude ebenso verwendet wie zur Gestaltung von Innenräumen. Diesmal wirken die Elemente wie dicke, verknotete Rohre und erinnern im Museum sofort an Gemälde von Fernand Léger. Jürgen Mayer H., der sich als Grenzgänger sieht, dürfte das freuen. Interessanter ist allerdings ein zweiter Aspekt: Der Architekt, der das Ornament sonst nicht als schmückendes Detail vorführt, sondern seine Fassaden komplett daraus entwickelt, dekoriert hier den Raum. Mit einer monströsen Arabeske, die 100 Jahre, nachdem Adolf Loos in seiner Polemik das Ornament zum Verbrechen erklärte, durchaus provokant gemeint ist. Christiane Meixner

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