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THEATER

Das Blut des Malers:

„Rot“ im „Renaissance-Theater

Er ist ein Choleriker. Ein Tyrann, ein Genie, ein Schwätzer. Aggressiv, vital, eingebildet, selbstherrlich, bösartig und dennoch voller Selbstzweifel. Mark Rothko, der nie „abstrakter Maler“ genannt werden wollte, der über 800 großformatige Farbflächenbilder schuf und sich mit 66 die Pulsadern aufschlitze, bleibt ein Mysterium.

Warum gibt er 1959 erbost den Auftrag für eine Reihe von Wandgemälden für das Seagram Building in New York zurück, obwohl er doch wusste, dass sie dort inmitten der dinierenden Upper Class hängen würden? John Logan, eigentlich Drehbuchautor in Hollywood („Star Trek: Nemesis“), macht diese Episode zur Rahmenhandlung für sein Stück „Rot“ (2009), das das Renaissance-Theater jetzt erstmals in Deutschland zeigt (erneut vom 1.-6. sowie vom 26.-30.11. ).

Regisseur Torsten Fischer inszeniert einen Parforceritt durch Rothkos Kunsttheorie, einziger Gegenspieler ist ein erfundener junger Assistent namens Ken. Dominique Horwitz gibt Rothko als streitsüchtigen Hysteriker, der in Schüben den kreativen Schaffensrausch durchläuft und seinem Assistenten Naivität und romantisches Bewusstsein vorwirft: „Matisse? Pollock? Sie werden in ihrem Leben vielleicht einen Augenblick haben, in dem Sie deren Leiden erahnen! Ansonsten lassen Sie ihnen ihre stille Größe.“

Benno Lehmann als Ken ist mehr als ein Stichwortgeber, er bietet klug Paroli, wenn auch einen Tick zu jugendlich-selbstbewusst, zu glatt. Horwitz hingegen gelingt es, einen schon längst gebrochenen Menschen darzustellen, dem das Blut bereits die Arme hinunter sickert, auch wenn es vorerst nur Farbe ist. Udo Badelt

KLASSIK

Das Feuer des Geigers: Das RSO

mit Juraj Valcuha in der Philharmonie

Es fängt verheißungsvoll an in der Philharmonie. Juraj Valcuha hat das Rundfunk-Sinfonieorchester in festem Griff und außerdem die E-Dur-Konzertouvertüre des jungen Slowaken Karol Szymanowskis mitgebracht, ein Perpetuum mobile spätromantischer Zitate mit heiklen Einsätzen und verschlungenen Linien, die man erst mal herauslesen muss.

Eindrucksvoll auch, wie Valcuha die Rundfunksinfoniker im überstrapazierten Sibelius-Violinkonzert an die Kandare nimmt. Vielleicht ist sein Schlag etwas übertrieben, erreicht aber eine punktgenaue Präzision, wie man sie sonst nur von Studioaufnahmen kennt. Der erst 26-jährige armenische Geiger Sergej Khachatryan fordert das enorm wandlungsfähige Orchester. Sein Zauber auf der Guarneri, einst im Besitz Eugène Ysaÿes, entfaltet seine Wirkung nicht nur in spannungsreichen Pianissimi, sondern sogar in den oft drögen Koloraturgirlanden. Quicklebendig tanzt Khachatryan auf dem Vulkan und sieht und hört sich stets selbst dabei zu.

Von dem lodernden Feuer bleibt leider nach der Pause nur noch ein Schwelbrand übrig. Tschaikowkis Fünfte ist kein Routinestück, und wenn sie zäh wird, leidet das Konstrukt. Ein Flüchtigkeitsfehler hier, zwei falsche Töne dort, immer wieder Patzer im 1. Horn (seit wann spielen die zu fünft?) – eine Probe mehr, und die Präzision hätte auch hier perfekt sein können. Gleichwohl: ein vielversprechender Dirigent und ein insgesamt fabelhaft aufgestelltes Orchester. Christian Schmidt

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