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POP

Von Bläsern verweht:

Bon Iver in der Columbiahalle

Es ist ein weiter Weg von Eau Claire in Wisconsin bis nach Berlin. Vielleicht fühlt es sich noch viel weiter an für einen Eigenbrötler wie Justin Vernon, der nach den verblüffenden Erfolgen seines Folkrock-Projekts Bon Iver plötzlich in Konzertsälen wie der mit über 3000 Zuschauern ausverkauften Columbiahalle auftritt. Trotz der acht Mann starken Begleitband umweht den 30-Jährigen eine Aura der Verlorenheit, was mit der Grundstimmung seiner Lieder aufs Schönste harmoniert: Schlacksiger Ami singt mit herzzerreißender Kopfstimme trauriges Zeug über sein unglückliches Liebesleben.

Wäre das alles, könnte man Vernon in die Schublade „melancholischer Songwriter mit TV-Serien-Potenzial“ einsortieren. Doch so einfach macht er es dem kuschelaffinen Publikum nicht. Manche Songs, darunter der mächtig losbollernde Opener „Perth“ oder das sich zu himmlischen Barbershop-Chorälen aufschwingende „Skinny Love“ entwickeln gegenüber den Studioversionen ein wild wucherndes Eigenleben. Bei „Creature Fear“ reitet die Band mit Doppelschlagzeug, drei sägenden E-Gitarren und Bläserinferno eine wüste Lärmattacke, die nach der Feuerzeughymne „Flume“ wie ein befreiendes Gewitter wirkt. Wer dann noch den grandiosen 80er Kitsch von „Beth/Rest“ samt verbeulten Synthie-Fanfaren und pinkfarbener „Traumschiff“-Beleuchtung genießen kann, torkelt nach 100 Minuten beglückt in die Novembernacht hinaus. Jörg Wunder

THEATER

Von der Leine: „Triumph des Siegers“ im Theater im Palais

Habgierig und feige sind diese Leute aus der russischen Provinz. Und sind es nicht nur. Anton Tschechow hat über sie geschrieben, in den 1880er Jahren. Und kommt ihnen auf die Schliche, entdeckt ihren raffinierten Biedersinn, ihre Fantasie. Selbst arm lieferte Tschechow seine Geschichten an eine Petersburger Zeitung. Der Dramatiker Wolfgang Moser hat den Versuch unternommen, neunzehn dieser Humoresken zu einer Komödie zusammenzufügen. Eine durchgängige Geschichte soll in „Triumph des Siegers“ nicht herauskommen. Moser will Theater, will Übermut, Nachdenklichkeit. Regisseur Herbert Olschok lässt die Mimen im Theater im Palais von der Leine, dass man aus dem Staunen nicht mehr herauskommt (wieder am 15. und 16.11.).

Fünf Schauspieler (Ursula Rosamaria Gottert, Sibylla Rasmussen, Peter Rauch, Jens-Uwe Bogadtke, Carl Martin Spengler) raufen sich um das Fünffache an Rollen. Wer zur Tür hinausstolpert, kommt als ein anderer wieder herein, spaltet sich in mehrere Figuren auf. Und so spielen dann der Barbier und der Kutscher, die Beamten und der General Karten. Sie trinken Wodka und versuchen, Heiratszwängen zu entwischen. Alexander Martynow (Bühnenbild) hat den kleinen Zuschauerraum aufgerissen, es gibt einen Pfad zum Philosophieren, zum Fliehen und Verstecken. Es wird gesummt, gesungen und geheult. Doch der Abend läuft vor lauter Einfällen so in die Breite, dass sich manche Geschichte verliert. Christoph Funke

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