KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

von

KLASSIK

Klangstürme: Neville Marriner mit jungen Musikern aus Osteuropa

Es ist ein Vergnügen zu beobachten, wie ein 87-jähriger Dirigent sensibel mit einem Jugendorchester umgeht, das sich gerade auf seiner ersten Konzertreise befindet. Und wie die jungen Musiker Sir Neville Marriner folgen: mit Respekt und Impetus. Das Projekt geht von Polen aus, wo ein Kulturprogramm der polnischen EU-Ratspräsidentschaft das „I, Culture Orchestra“ hervorgezaubert hat, das Mitglieder aus Ländern östlich der EU von Armenien bis zur Ukraine, von Weißrussland bis Aserbaidschan einschließt. Der polnische Botschafter Marek Prawda betont das Ziel enger Zusammenarbeit dieser Staaten, um am Abend in der Philharmonie als Rosenkavalier zu fungieren.

Musikalisch findet gegenwärtig ein Aufbruch in die Zukunft mit Polens Beitrag zur Spätromantik statt, eine Renaissance Karol Szymanowskis (1882–1937), die einen wichtigen Fürsprecher in Pierre Boulez hat. Kürzlich wurde bei den Philharmonikern ein Szymanowski-Werk in seiner Eigenständigkeit wiederbelebt, das sie seit 1935 nicht gespielt hatten: die Symphonie concertante. Das Violinkonzert Nr. 1, das hier auf dem Programm der Gäste steht, wird durch Arabella Steinbacher mit vorbildlicher Intonation realisiert. Ihre Interpretation ist von einer kontrollierten Anmut, ohne – wie Pianist Marc-André Hamelin in der Concertante – führend zu werden. Feinzeichnend lässt der britische Dirigent in der Vierten von Tschaikowsky entdecken, welche Kapazitäten in dem jungen Klangkörper stecken: das Fagottsolo, das Holz überhaupt, die homogene Bratschengruppe! Sybill Mahlke

MUSICAL

Konfettiregen: Rocky Horror Show

im Admiralspalast

Travestie, Bisexualität und ausschweifendes Sexleben – die Themen der „Rocky Horror Show“ im Admiralspalast (bis 13. November) können heute kaum noch jemanden schocken. Trotzdem ist das Musical auch 38 Jahre nach seiner Premiere immer noch ein Selbstläufer. Die Fans kleiden sich wie die Darsteller in Mieder, Strapse und Perücken. In der Gewitterszene spritzen sie mit Wasserpistolen, werfen Konfetti und Klorollen – Mehl und Reis sind verboten. Das Bühnenbild ist minimalistisch: mal eine Tür, Sofas und Lampen, mal ein Labor. Dahinter steht ein Stahlgerüst, auf dem die Band spielt. Der Brite Rob Morton Fowler begeistert als Schlossherr Frank’n’Furter. Er ist stimmgewaltig und sympathisch selbstverliebt.

Sam Buntrock inszeniert das „Grusical“ zurückhaltend und ohne große Tanzszenen. Schauspieler Sky du Mont gibt den Erzähler und pariert alle Zwischenrufe des Publikums souverän. Strapse mag er zwar nicht tragen, zeigt aber nach lautstarker Aufforderung seiner Frau Mirja immerhin die linke Wade. Die großen Hits des schrillen Vergnügens wie „Time Warp“ und „Sweet Transvestite“ kommen bereits früh in Richard O’Briens Stück, das nach der Pause noch mal richtig Fahrt aufnimmt, als Frank’n’Furter sowohl Janet als auch Brad verführt. Das Spießerpaar ist in einem Schloss voller transsexueller Außerirdischer gelandet. Nach einem Ausflug in die sexuelle Freizügigkeit müssen sie mit Betrug und Vertrauensverlust klarkommen. Die Berliner quittieren den trashigen Spaß mit Standing Ovations. Christoph Spangenberg

KLASSIK

Tontropfen: Christian Blackshaw

im Kammermusiksaal

Dunkler ist es im Kammermusiksaal nur, wenn sich niemand mehr darin aufhält und das Podium von der Musik träumt, die auf ihm verklungen ist. Christian Blackshaw lässt bei seinem Debüt in der philharmonischen Klavier-Reihe die Lichter dimmen, bis man kaum noch erkennen kann, wie sein distinguierter Grauschopf an den Steinway schwebt. Der Brite, Anfang 60, ist ein scheuer Solist, der gar nicht erst als Ego Gestalt annehmen möchte – und sogleich mit sanfter Dominanz den (Licht-) Schalter auf Innerlichkeit umlegt. Kein Abend großer Gesten also, auch kein gut geschmiertes Virtuosenhandwerk.

Blackshaw, der sich ein herbstliches Programm aus Mozart, Liszt, Brahms und Schumann komponiert hat, serviert jeden Ton mit Noblesse. Dabei isoliert er ihn stets etwas aus seinem Klangzusammenhang, scheut Bindungen wie ein puristischer Saucier. Bei Mozarts KV 457 bekommen die Noten schimmernde Köpfchen, zusammen singen dürfen sie nicht. Brahms’ Anweisung, „jeder Tact und jede Note muss wie ritrad. klingen, als ob man Melancholie aus jeder einzelnen saugen wolle“, übererfüllt Blackshaw im späten h-Moll-Intermezzo Nr.1 Op. 119, indem er jeden Ton wie ein welkes Blatt zu Boden gleiten lässt. „Jetzt ist er eingeschlafen“, entfährt es am Ende einer Zuhörerin in die Stille hinein. Doch Blackshaw ist hellwach, er träumt nicht einmal mit offenen Augen. Er abstrahiert. Am meisten nützt er Liszt damit. Dessen „Vallée d’Obermann“ erklingt aller Landschaftsbeschreibung enthoben, als Ideenmusik eines Zweifelnden. Das Licht geht an, und man reibt sich die Augen. Ulrich Amling

0 Kommentare

Neuester Kommentar